Am liebsten möchte man diesem Franz Recht geben. Franz, der böse Sohn, ist empört. Er empört sich gegen einen Vater, der ihn als Zweitgeborenen in die Welt gesetzt hat. Er empört sich gegen einen Vater, der doch nur seinen Erstgeborenen liebt, und er empört sich gegen einen erstgeborenen Bruder, Karl, der ohnehin alles hat. Und der mit seinem Lotterleben in Leipzig die Vaterliebe nicht verdient. Franz empört sich wider die Natur, die das alles so eingerichtet hat und die dazu Liebe zum Vater von ihm verlangt, wo der ihn, den dicken Franz, als der er heute dasteht, doch so sicher nie gewollt hat. „Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte?“ Franz hat Recht.
Sascha Nathan als dieser Franz aber hat, wie jeder Franz vor ihm, schon im ersten Moment verloren. Trotzdem ist es ein großes Vergnügen, diesem Franz zuzusehen. Er ist eifrig schwitzend, er ist strebend bemüht im vergeblichen Kampf um sein Recht. Er ist unmöglich in seinem Pullunder, der bei ihm „Westover“ heißen müsste, mit seiner Haartolle, die nie anders als fettig aussehen wird. Er wird immer ein Primaner bleiben, was er auch tut. Ein Kerl wird das nie. Er bleibt ein ekliger Wurm, der sich in die Gedanken anderer schleicht. Und doch hat er Recht in seiner Empörung über die Ungerechtigkeit der Natur. Und ist damit der einzige Mensch, der in Frankfurt zur Spielzeiteröffnung auf der großen Bühne steht.
Neben ihm stehen die Räuber, die Schillers kraftstrotzendem Erstling den Titel geben. Sechs zwielichtige Figuren in tadellosem Weiß, von Sabine Blickenstorfer sauber aus dem Kostüm-Ei gepellt, Anstandsbrüder ohne einen Funken Ehrlichkeit. Die hellgewandeten Herrschaften sprechen vorzugsweise in grimmigem Grundton. Räuber an der Rampe, statisch, gelangweilt, gepresst. Cool ist die Gang. Auch sie fühlen sich zurückgesetzt. Zu Helden will einer, Spiegelberg, sie machen. Warum eigentlich? Karl, den lieben Bruder Karl, wollen sie zum Anführer. Wofür? Karl steht in Person von Marc Oliver Schulze gekrümmt und windet grimmig seine Zweifel hervor. Schulze ist ein kraftvoller, ein präziser Schauspieler. Aber was ist das Problem dieses Karls? Und wofür brauchen die Räuber ihn als Hauptmann?
„Bis in den Tod“ brüllen sie am Ende der Exposition. „Bis in den Tod“, das ist das wiederkehrende Grundmotiv, die Aufführung ist auf die Schiene gesetzt und die Sinn-Maschine rastet ein. Wo man sich einmal Treue bis in den Tod geschworen hat (von den Nibelungen bis Stalingrad) wird das Morden Selbstzweck und endet im Tod. Diese Gespenster, wenn man sie ruft, wird man nie mehr los. Das ist in Deutschland sozusagen kritisch-moralisches Allgemeingut, so dass das auch hier auf der Bühne so unbefragt wie selbstverständlich abläuft. Einmal Treue, immer Treue, Horden ist morden.
Effektsicheres, silbergraues Schauertheater
Die Aufführung beginnt mit einer laut übersteuerten, hart am Anschlag vibrierenden E-(Gitarren)-Tonüberwältigung von Bert Wrede, der auch den Arbeiten von Michael Talheimer gern ihren eindeutigen Grundton gibt. Regisseur Enrico Lübbe, 1975 geboren, erfolgreicher Schauspieldirektor in Chemnitz – sein „Rose Bernd“ von Hauptmann war letzte Saison in München ein Erfolg – ist offenbar ein großer Thalheimer-Verehrer. Er liebt die starken Zeichen, das eindeutige Gefühl, den nackten Purismus. Henrik Ahr hat ihm dazu eine silbergraue Bühne gebaut, auf der die Schauspieler wie auf dem Präsentierteller gut ausgeleuchtet kein Geheimnis für sich behalten können.
Wie hältst du’s mit der Aggression? Das ist seit Jahrzehnten die Kernfrage, wenn man „Die Räuber“ aufführt. Eine Bande, harte Jungs, coole Sprüche, da fallen jedem Parallelen ein (früher war’s die RAF, heute sind es Straßen-Gangs). Aber es ist nicht diese Übertragung, die die Räuber lebendig macht. Es ist die Energetik, an der sich „Räuber“-Aufführungen entscheiden. Die Tumulte und Gefühlsausbrüche bei der Mannheimer Uraufführung kann man bis heute verstehen, wenn man das Stück liest. Aber was macht man heute damit? Vor ein paar Jahren wurde in Frankfurt schon einmal Schillers Kraftpaket gezeigt, damals waren es eine Frauenrockband und die Bühnenhydraulik, die für die Power sorgen sollten.
Lübbe versucht es jetzt mit einer Sprache, die unter Hochdruck hervorgepresst wird. Da will uns einer, so der Eindruck, mit sprachlichem Dauerdruck in die Sitze pressen, mit wuchtigem Brummen sollen die Sätze uns überwältigen. Aber es bleiben merkwürdig monotone Schauspieler, alle auf einen Ton getrimmt (oder in einem Ton allein gelassen). Das irre Spiel der Kräfte, der vibrierende Antagonismus, der Schillers Drama so erstaunlich macht, spielt keine Rolle.
Lübbe setzt auf eine Digest-Version, die sich auf die Übermittlung der Handlung und einer Kernthese konzentriert. Er macht effektsicheres, silbergraues Schauertheater, aber es fehlt das Schwanken der Emotion. Das ist bei diesem Stück, das nichts anderes als ein einziges Ringen mit sich selbst ist, besonders schade. Menschen, kann man in Frankfurt bei wohlwollender Betrachtung herauslesen, stecken im Schlund ihrer selbst und sind ihr eigener Schrecken.
Die jugendliche Gärung, die große Weltverzweiflung, der harsche Nihilismus, sie kommen – außer bei Franz – nicht vor. Sascha Nathan hat am Ende, ganz mit sich und Franz allein, wieder eine große Szene. Sandra Gerling spielt Amalia züchtig und vorsichtig bis zum Nichtvorhandensein. Beim Kuss beißt sie Franz in die Zunge, als hätte sie zu viel Kleist gelesen („Küsse, Bisse“). Der verendende Vater Moor, einen großen Ausbruch der Verzweiflung gönnt ihm Felix von Manteuffel, lebt immer wieder auf. Und die Räuber und Toten starren stier.
Schauspiel Frankfurt: 21., 30. September, 2., 3., 5., 27., 28. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de