Tief tragen die Rolltreppen der Moskauer Metro in den Untergrund, waghalsig hoch sind die Stöckelschuhe der Moskowiterinnen. Unwegsame Bürgersteige, endlose Fußgängerunterführungen, steinige Grünstreifen, ja sogar zeitgenössischer Tanz - alles geht in High Heels. Die Produktion "Far away from here" zeigte gleich mehrere Varianten, wie Tänzerinnen auf hochhackigen Schuhen gegen die sie manipulierenden Männer Figur zeigen können. Entstanden ist die Arbeit für die in Moskau lebende Gruppe Liquid Dance. Vier Wochen hat der portugiesische Choreograf Victor Hugo Pontes mit den Künstlern gearbeitet, dann war Premiere.
Die etwas willkürlich anmutende Kombination zwischen Portugal und Moskau hat Methode. "Far away from here" entstand im Rahmen der Unternehmung Intradance, für das sich vier ausländische Kulturinstitute (Frankreich, Deutschland, Portugal, Italien) mit dem russischen Veranstalter TseKh Dance zusammengetan haben, um bei der EU Mittel zu beantragen - mit Erfolg. Intradance hat aus fast 40 Kompanie-Bewerbungen auf russischer und über 100 Choreografen-Dossiers auf westeuropäischer Seite sieben Ensembles und ebenso viele Tanzmacher ausgewählt, die Stücke erarbeitet haben. Nach den Uraufführungen in Moskau, Sankt Petersburg, Kazan, Kirov, Kostroma, Jekaterinburg und Chelyabinsk wurden alle Arbeiten nun in Moskau gezeigt. Das Publikum folgte mit Begeisterung. Jeder Einblick in westliches Arbeiten ist willkommen.
Die Intention von Intradance ist weitreichender, als bloß Gastspiele mit begleitenden Workshops zu organisieren. "Künstlerische Residenzen und längere Zusammenarbeit mit einem konkreten Ziel, das ist in Russland keine sehr entwickelte Form", sagt Johannes Ebert, Direktor des Goethe-Instituts Moskau und einer der Projektpartner. "Wichtig war es deshalb, zu Ergebnissen zu kommen."
Bitte eine deutliche Botschaft
Tatsächlich sind alle entstandenen Arbeiten von hohem Niveau. Die teilweise ungewohnten Methoden der Stückentwicklung haben die Tänzer gern angenommen. Improvisation, biografische Selbstbekundung, auch die Reduktion von Bewegung auf wenige Schritte, Haltungen, Gänge - das ist nicht selbstverständlich in Russland. Das Tanzleben ist nach wie vor sehr stark vom klassischen Ballett und vom sozialistischen Realismus geprägt. Begriffe wie "Schönheit" oder "Menschlichkeit" werden ganz selbstverständlich als Maßstäbe genannt. Tanz vermittelt eine Botschaft, und die möge bitte deutlich sein.
Rätselvolle Stilübungen, wie sie etwa Rachid Ouramdane aus Frankreich in "Borshtchevik ... A True Story" mit dem Migratsiya Projekt aus Kirov gezeigt hat, kommen nicht gut an. In einem opulenten Bühnenbild aus tiefengestaffelten weißen Raff-Vorhängen, die zu einer Leinwand führen, auf der schwermütige Bilder russischer Winterlandschaften laufen, agieren die fünf Darsteller in merkwürdigen Kostümen und Tiermasken. Textrezitationen erzählen von gescheiterten Hoffnungen, von Trauer, Todessehnsucht. Dazu wallt Bühnennebel.
Weit mehr Zustimmung erntete "Mirliflor" der Belgierin Karine Ponties. Sie arrangierte vier Darsteller von Dialog Dance aus Kostroma, dazu einen Tisch und einen Stuhl zu immer neuen Bildkombinationen, teils artistisch, teils rätselhaft, als eifere sie ihrem Landsmann René Magritte nach, der Räume, Objekte und Sichtweisen immer wieder verwirbelt.
Das niederländische Choreografenduo Ivgi und Greden hatte mit der Kompanie Provincial Dances aus Jekaterinburg ein allegorisches Stück gegen Massengesellschaft und Krieg erarbeitet. In grauen Arbeitskitteln steigen die Tänzer von Schaukeln und exerzieren in strammen Rhythmen eine Stunde lang chorische Bilder von Standardisierung und Gleichschritt. Hoher physischer Einsatz und stoische Gelassenheit machten "This is not a lovesong" zu einem unheimlichen Werk, das sein Thema - die Uniformisierung - völlig unreflektiert zur choreografischen Methode stilisierte.
"True Style" war eines der wenigen Stücke, die sich Humor zutrauten. Die vier Mitglieder des Kollektivs Ëd Physical Theatre aus Sankt Petersburg erläuterten in lakonischen Kommentaren, warum sie heute hier sind, was sie zum Tanzen gebracht hat und welches die Bruchlinien in ihrer beruflichen Laufbahn waren. Der Berliner Choreograf Christoph Winkler lässt sie zeigen, wie sie selbst sich ein eigenes, eben zeitgenössisches Bewegungsrepertoire erarbeitet haben.
Intradance macht deutlich, dass neue Formate des kulturellen Austauschs mit Erfolg entwickelt werden können. Die ästhetischen Differenzen mögen dadurch nicht gelöst werden. Aber sie erhalten eine neue Grundlage.