Theater

17. Dezember 2012

Faust in Graz : Den Bösen sind sie los

 Von Dirk Pilz
Peter Konwitschny macht „Faust“ zur Tragödie des Mephisto (Udo Samel, M.). Foto: Lupi Spuma

... die Bösen sind geblieben: Peter Konwitschny hat sich in Graz an „Faust I + II“ versucht.

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Da hockt er nun, der Mann. Laptop an, Topfpflanze in der Ecke, Playboy auf dem Tisch. Aber wie öd es alles ist. Wie dumm. Was soll er machen – Hose runter, ein bisschen onanieren. Und drüben in der Nachbarwohnung – auch öd, auch dumm. Laptop da, Topfpflanze, Kleiderschrank. Was soll sie machen: Perücke auf, Schleier drum – und sich vor das Filmplakat „Troia“ mit Diane Kruger postieren.

Kommt ungefähr hin, also wird ein Vers probiert: „Bewundert viel und viel gescholten, Helena.“ Dann klingelt es. Das ist der Teufel. Fläzt sich aufs Sofa, schwafelt was von Mann und Burg und nimmt sie mit nach Drüben. Es schweigt der Mann, es staunt die Frau, dann hebt er an zu schwärmen. Kaum dass er spricht, schon ist sie hin. Sie singen gar, weil sich nicht sagen lässt, was hier die Liebe tut. Dem Teufel gefällt’s, er zupft die Gitarre und schmunzelt still. Erst ist es Operette, dann Oper. Erst Parodie, dann wird’s Tragödie. Schon schreit sie auf, gebiert ein Kind, und aus dem Nichts erscheint ein Knab’ im Ringelpulli. Tollt umher und treibt’s zu bunt. Das Kind ist tot, und ab geht Helena. Der Mann drischt dafür auf den Teufel ein, jammert, schreit und heult – und ist im nächsten Atemzug mit neuen Zielen, neuem Wahn befasst.
Das ist der dritte Akt im zweiten Teil des „Faust“: Helena, Faust, Familienglück. Er dauert keine zehn Minuten, vielleicht fünfzehn. Wie schnell das alles geht: kaum verliebt, schon auseinander. Eben noch flattert dieser Helena der Blick, dann ist sie fort. Tür zu, Szene beendet. Auch Gretchen, ferne Verwandte der Helena, trat so ab, im ersten Teil.

Alles geht fix

Alles geht an diesem Abend im Schauspielhaus Graz fix, immer ist es, als blitzten Irrbilder, Alptraumgebilde auf. Faust ist hier einer, der es eilig hat, der die Geduld verflucht. Jan Thümer gibt ihm an diesem Abend das entsprechend zappelnde Erscheinen: die Haare wirr, die Augen unstet. Stahlbetten dominieren immer wieder die Szenen: ein Riesenbett, mehrere Flugbetten, ein Sprung-, ein Trümmerbett. Sie sind das Symbol für jene Ruhestätten, die es zu fliehen gilt, wenn man weiter kommen will. Und ums Weiter-, ums Fortkommen geht es hier vor allem.

Nur der Teufel legt sich genüsslich in die Kissen und scheint ein Mann, der ein geruhsames Nickerchen und überhaupt alles Daunenfederleichte zu schätzen weiß. Aber der Teufel – zwei Köpfe kleiner und doppelt so umfangreich wie Faust – ist bei Udo Samel auch einer, der aus der Zeit zu fallen scheint, zu langsam, zu bedächtig sogar. Am Anfang sitzt er in Reihe vier und mokiert sich über das Getue auf der Bühne: „Ich habe hier eine Karte für Faust, von Goethe!“ Mephisto: einer, der nicht folgen kann. Der auf die Bühne stolziert, um „denen da mal zu helfen“. Er will helfen, den Rückweg ins Übersichtliche, zu einem ordentlichen Vers-Goethe zu finden. Er findet ihn nicht, es gibt ihn nicht. Das ist der Clou dieser Inszenierung von Peter Konwitschny: Er macht „Faust“ zur Tragödie des Mephisto. Sein Drama ist, dass er zusehen muss, wie Gott und damit auch der Teufel abgeschafft, aussortiert werden, wie jede Ordnung, alle Übersicht verdampft.

Das ist goetheforschungsmäßig zwar keine neue Lesart, aber in Graz eine veritable Spielgrundlage. „Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben“, heißt es bei Goethe. Gott ist tot, die Götter sind geblieben, deutet Konwitschny. Immer schneller jagt sein Faust-Mensch den neuen und allerneusten Göttern hinterher, von der Erfindung des Kunstmenschen Homunkulus (auf dem Touchscreen) bis zur Einführung des Papiergeld- und Kreditwesens (im Karneval). Was früher Teufelszeug geschimpft wurde, ist bloßes Menschenirrsinnswerk. Teufel, Gott: Es war einmal, wir sind von Quasigöttern, von Götzen umstellt.

Gott ist ein alter Kumpel

Peter Konwitschny, der berühmte Opernmann, beklagt das nicht, noch begrüßt er es. Er sucht zu begreifen. Dass er sich dafür den Berliner Surfpoeten Ahne auf die Bühne holt, der in schöner Laienspielunbekümmertheit mit Gott telefoniert (Bier in der Hand, Handy am Ohr), ist dramaturgisch nur folgerichtig: Sein Gott ist ein alter Kumpel, der sich im schönsten Berlinerischen Schnodderton „wundern tut“.
Ja, die Fassung, die Inszenierungsidee dieses dreieinhalbstündigen Gesamt-„Faust“ überzeugt, erhellt, macht denken. Aber das Schau-Spiel kann der Regie nicht immer folgen. Udo Samel vermag wunderbar zu hüpfeln und die Silben so zu schütteln, dass aus den Worten leiser Ironiezauberstaub fällt.

Jan Thümers Faust ist ein beeindruckender Hechler, Katharina Klars Gretchen und Birgit Stögers Helena sind dankenswerterweise Starkfrauen mit Eigensinn. Im Zweifelsfall aber flüchten sie alle ins Halbpathetische, den halbhohen Ton – und lassen ihre Figuren seltsam verloren klingen. Als trauerten sie heimlich den guten alten Versordnungszeiten hinterher, als wollten sie nicht wahrhaben, was die Regie ihnen erzählt: dass es weder das gute Alte noch ein Zurück gibt. Es gibt, menschheitsgeschichtlich gesehen, allenfalls Verluste zu vermelden, und Gewinne. Abgerechnet wird erst am Schluss, womöglich nach einer gänzlich unerwarteten Rechnungsart. Konwitschny lässt seinen Faust am Ende Gnade im Himmel finden.
Nichts ist diesem Mann fremder, ferner als dies: Himmel, Gnade. Das ist der Umsturz aller Werte, vielleicht sogar eine Hoffnung. In jedem Fall ist dieser Abend damit denkreicher, gehaltvoller als das andere große „Faust“-Projekt in dieser Saison. Am Schauspiel Frankfurt haben Stefan Pucher und Günter Krämer den Teufel gefeiert und Faust als hilflos Verlorenen hingestellt. In Frankfurt wurden Teufel, Gott und Welt verläppert, in Graz wird ergründet.

Faust I + II 18., 22. Dezember. www.schauspiel-graz.com

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