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Theater

17. Januar 2016

Festival „Fluchtpunkt Frankfurt“: „Holt sie raus aus der Isolation!“

 Von Andrea Pollmeier
Das Schauspiel Frankfurt lud am Wochenende zum Festival "Fluchtpunkt Frankfurt" ein.  Foto: Brigit Hupfeld

Wenn Zuschauer, Theaterleute und Flüchtlinge zusammenkommen: Eindrücke vom vielfältigen Festival „Fluchtpunkt Frankfurt“ am Schauspiel. Nebst der Erkenntnis, dass nicht alle Beteiligten auch an den Abendangeboten teilnehmen konnten.

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Der Tag beginnt mit einem ungewöhnlichen Bild. Gut hundert Menschen, die als Flüchtende Deutschland erreicht haben, sind Gast im Frankfurter Schauspielhaus. Im Flur richtet Intendant Oliver Reese Willkommensworte an sie. Für vier Tage hat sich die Theaterwelt zum Ort der Begegnung gewandelt. Im Restaurant gibt es Gerichte aus Eritrea und Syrien, im Chagall-Saal stehen Übersetzerkabinen. Gesprochen wird darin auch Farsi und Tigrinya. Eine spontane Tanzperformance vor den Parketteingängen kommt ganz ohne Worte aus. Gerade die Stimmen- und die Sprachenvielfalt ermöglichen den Austausch und geben dem Theaterfestival „Fluchtpunkt Frankfurt“ einen besonderen Akzent.

Die Nähe zu den Menschen, die als Flüchtende in Frankfurt ankommen, verändert den Blick. Die Aktiven fordern darum immer wieder dazu auf, zu den Orten zu gehen, an denen Flüchtlinge leben. „Holt die jungen Menschen und Familien raus aus schlechten Unterkünften und Isolation!“ lautet das Credo.

Besorgt spricht Miriam Modalal, die in der Bildungsstätte Anne Frank in der „Response“-Beratung arbeitet, auch über den Anstieg rechter und rassistischer Gewalt. Fremdenfeindliche Angriffe sind im vergangenen Jahr laut Statistik des Bundeskriminalamts um 364 Prozent angestiegen. „Es muss mehr institutionelle Angebote für psychosoziale und rechtliche Hilfe geben, fordert Miriam Modalal. Das gelte auch für Frankfurt, das sich gern mit dem Label der Weltoffenheit schmücke.

Hysterische Spitzen der öffentlichen Flüchtlings- und Asyldebatte klingen in den öffentlichen Podien des Festivals, die der Journalist Riccardo Mastrocola mit Umsicht moderiert, nur leise an. Doch kommen auch Fragen auf, die typischerweise in der Pegida-Szene anzutreffen sind: „Warum schicken Eltern ihre Kinder überhaupt unbegleitet auf solch eine gefährliche Flucht?“, will ein Zuhörer von den Aktiven der Frankfurter Flüchtlingshilfe wissen. Annette Ludwig, Sprecherin des #Nofragida-Netzwerks, antwortet alarmiert: „Eltern sind oft schon tot oder wägen die Gefahren der Flucht gegen die Risiken in der Heimat.“

Newroz Duman, die 2014 die bundesweit tätige Initiative „Jugendliche ohne Grenzen“ gegründet hat, nennt ein Beispiel: „Ein Kind, das ich betreut habe, musste für die Taliban in Afghanistan den ganzen Tag in einer unterirdischen Munitionsfabrik arbeiten“.

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Die engen Grenzen der Realpolitik sind auf den unterschiedlichsten Ebenen des Festivals erkennbar. Wer als Flüchtling an Theaterprojekten teilnehmen will, muss zum Beispiel trotzdem die frühen Schließungszeiten der Wohneinrichtung einhalten. Gesprächsforen nach den Aufführungen können die jungen Laien darum nur eingeschränkt wahrnehmen. Auch ein schulfreier Tag wird ihnen für das mehrtägige Festival nicht gewährt. „Sportaktionen unterstützen Schulen eher“, meint Martina Droste, Kuratorin der Gastspiele.

Wie kompliziert es ist, in den Medien mit den Themen von Flucht und Vertreibung angemessen umzugehen, erläutert Christian Schicha, Medienwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg. In seinem Vortrag über Extreme der Berichterstattung, kritisiert er Begriffe, die Szenarien von Naturkatastrophen suggerieren. Besonders schlechtes Beispiel sei die von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gewählte Verknüpfung mit dem Wort „Lawine“. Wertende Begriffsverbindungen zerstörten die Chance, auch die positiven Wirkungen der Fluchtbewegungen auf neutrale, sachliche Weise anzusprechen. Dies, so Schicha, gelte vor allem auch für die zahlreichen Talk-Sendungen, die mit Angst erzeugenden Titeln die Diskussion über komplexe Themen schon vorab einer negativen Gesamtbewertung unterstellen.

Vor ausverkauftem Schauspielhaus stellte Navid Kermani am Samstagabend sein in wenigen Tagen erscheinendes Buch „Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa“ (C. H. Beck) vor. Mit dem Magnum-Photographen Moises Saman ist er von der Türkei über die griechische Insel Lesbos in Richtung Deutschland gefahren und hat die Situation der Fliehenden erlebt und beschrieben.

Im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit forderte Kermani die politisch Verantwortlichen dazu auf, die Themen „Einwanderung“ und „Asyl“ voneinander zu trennen. „Dann ist der Druck aus der Asyldebatte heraus“, sagte der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Erst so werde es möglich, Einwanderung nach den Interessen der Aufnahmegesellschaft zu gestalten und politisch verfolgten Menschen, die man auf jeden Fall aufnehmen müsse, geregelte Zugangswege zu eröffnen.

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