Sträucher wachsen aus den Schienen, Äste greifen auf die Bahnsteige. Die Natur ist auf dem besten Weg, sich das riesige Gebäude zurückzuerobern. Frauen in weißen Hochzeitskleidern streifen umher oder sitzen in Badewannen. Es ist kühl, der Wind bewegt helle Stoffbahnen. Der Spielort, der alte Güterbahnhof Osnabrück, fasziniert. "Ophelias: Death by Water Singing" heißt die Kammeroper von Henrik Hellstenius, der außerhalb seiner Heimat Norwegen wenig bekannt ist. Sein Stück hatte bei der dritten Ausgabe des Spieltriebe-Festivals am Theater Osnabrück seine deutsche Erstaufführung. Zu viel hat Hellstenius in 13 Szenen hinein gepackt, aus immer neuen Perspektiven erzählt er Ophelias Ermordung. Aber der Raum ist ein überwältigendes Erlebnis.
Bewegungsloses Leben
Jenseits der großen Bühnen, an denen große Intendanten große Eröffnungsinszenierungen versuchen, ist hier alles entspannter. Ein Besuch beim Festival "Spieltriebe 3" ist inspirierend. Hier werden Texte und Kompositionen in rauen Mengen ausprobiert. Weil das Publikum, das auf fünf Routen in Bussen durch die Stadt fährt, mindestens drei Aufführungen pro Abend bekommt, lastet wenig Druck auf der einzelnen Produktion. Die "Spieltriebe" sind noch mehr als frühere Ausgaben ein Entdeckerfestival. Intendant Holger Schulze und sein Team zeigen ausschließlich Erstaufführungen europäischer Dramatiker. "Gott ist Schönheit" behauptet der finnische Maler Vilho Lampi, der sich 1936 selbst umbrachte. Sein Landsmann Kristian Smeds beschreibt die manische Suche des Künstlers nach ästhetischen Urerlebnissen, inspiriert von einer sprachwuchtigen Autobiographie Lampis. Zwei Schauspieler - Alexander Jaschik und Laurenz Leky - verkörpern den Maler. Mal sind sie zwei Seiten eines Ichs im Widerstreit, dann feuern sie sich zu absurden Aktionen an. Draußen fährt ein Mann auf einem Rasenmäher vorbei. Die Lampis jubeln, endlich das echte Leben. Sie rennen nach draußen und verprügeln den Mann, denn sie brauchen ihn bewegungslos, als Modell. Nur durch Gewalt wird das Leben zur Kunst.
Ein Großteil der Stücke beschäftigt sich mit politischen Gegenwartsthemen. Mit filmischem Realismus beschreibt die Kroatin Tena Stivicic Migrantenschicksale in London. In der Bumsbude des Bulgaren Michi treffen sich junge Leute, die im Überlebenskampf noch nicht ihre Träume vergessen haben. Stivicic erzählt davon sehr direkt. Sie hat dabei einen ebenso mitfühlenden wie unkitschigen Blick und ein echtes Interesse an Menschen mit problematischen Biographien. Ihr Stück "Fragile", das Corinna Sommerhäuser in einer Maschinenhalle inszeniert hat, ist bereits mehr als eine Talentprobe.
"Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Sonst hießen sie Bestellungen". Der Satz von Trude könnte als Kommentar zu Tena Stivicics zerbrechlichen Seelen taugen. Doch wir sind schon wieder ein Stück weiter. "Fahrradfahren für Malawi" ist eine hinreißende Satire auf Mittelschichtler, die sich mit Bioprodukten und Afrikahilfe eine Fantasiewelt aufgebaut haben. Der Niederländer Nathan Vecht hat eine geistblitzende Boulevardkomödie mit tollen Dialogen geschrieben. Genau solche unterhaltenden, durchaus schmerzhaften Stücke fehlen dem Theater.
Geschrei aus dem Fahrstuhl
Nanine Linning, Leiterin des Osnabrücker Tanztheaters, zeigt mit zwei atmosphärisch stimmigen, kraftvollen Choreographien, dass von ihr einiges zu erwarten ist. Die Hingabe, mit der die Tänzer und Schauspieler von einem Spielort zum anderen rasen und nach einer anstrengenden Performance gleich in die nächste springen, ist eine Basis des Festivals.
Leider ist die Hauptinszenierung, die alle sehen, bevor sie in Gruppen zu ihren Routen aufbrechen, der größte Flop. Regisseur Sebastian Hirn wollte Oleg Popovs satirischen Roman "Mission: London" zu einem existenziellen Abgesang auf die Mechanismen der Macht aufblasen. Deshalb stellt er der Literaturadaption Heiner Müllers berühmten Monolog des Manns im Fahrstuhl aus "Der Auftrag" voraus. Damit verschafft er der Aufführung eine Fallhöhe, die der Abend nie erreicht. Nebel wallt, eine Schauspielerin schreit ins Mikro, wie verkommen der Kapitalismus ist. Das nervt. Man hält es aus, weil die anderen Aufführungen den Kopf mit Bildern und Ideen füllen und man in Osnabrück einfach entspannter als in Hamburg oder Wien.