"Das kann jedem passieren“, heißt es in der „Pension Schöller“ tröstlich, als der Zenit überschritten ist. Allerdings kann das keineswegs jedem passieren. Die Komödie von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs, 1890 uraufgeführt, gibt sich menschlich – sind wir nicht alle verrückt? –, steht aber auf einem von Irrtum & Zufall wacker zurechtgezimmerten Gerüst. Dem Spaß tut das keinen Abbruch. Gerade die selbstgemachte Komplikation, die das Leben der meisten von uns prägt, spiegelt sich ja glänzend im Spleen des Rentiers Klapproth, einmal ein Berliner Irrenhaus zu besichtigen. Die Familienpension Schöller erweist sich als ideal.
Der also ein wenig umständlich konstruierte Apparat, der dann, als er läuft – die Pensionsgäste dem Klapproth wie die schönsten Irren der Welt vorkommen müssen –, aber läuft wie am Schnürchen, wird in Heppenheim jetzt offenherzig vorgeführt. Das sieht und spürt man zur Eröffnung der Festspiele im Amtshof, dass eine Maschine sich warmlaufen muss, einige Räder anrollen – aha, der Kellner hat einen Sprachfehler, strebt aber zum Theater, so so, der Herr Großneffe sind pleite –, um gemächlich Fahrt aufzunehmen. Aber als sie Schwung aufgenommen hat, läuft auch Pia Hänggis Inszenierung von selbst.
Horst Sachtleben, der Heppenheimer Klapproth, zeigt hinter dem bürgerlichen Selbstbewusstsein ein rührendes Staunen und Zagen über die Welt. Man kann zusehen, wie ihm nach und nach alles aus dem Gesicht fällt. Auch ist er von zarter Statur, so dass er sich heben und herumtragen lässt (nicht zuletzt erinnert er daran, wie gut, interessant und abwechslungsreich es ist, alte Menschen auf der Bühne zu sehen). Um ihn herum darf chargiert werden: hier der joviale Herr Schöller, Achim Stellwagen, dort seine großkarierte Schwägerin, Inge Rassaerts, und der blasierte Tunichtgut von Neffe, Alexander Kreuzer; hier die dauerglühende Romanautorin, Gabriele Welker, dort der an sich milde Großwildjäger, Uwe von Grumbkow. Dem Schauspieler in spe, Stefan Maaß, konnte der Nogopäde bislang nicht helfen. Erst im Schrank – o schwarze Pädagogik – findet er jenes „l“, das sein Glück machen wird. Auf der Bühne (Thomas Richter, Stephan Brömme) gibt es insgesamt ausreichend Türen für alle Irren.
Pia Hänggi, feine Rolle für eine Regisseurin, spielt die Klapprothsche Schwester: Lange bewahrt sie die Ruhe, bis der Strudel sie vollends mitreißt. Sommertheater, sicher auch ein Nervenkitzel.
Festspiele Heppenheim: 22.-25., 27.-31. Juli, 13.-21. August. www.festspiele-heppenheim.com