Wie unsere Zukunft aussieht? Je nachdem, ob es sehr viele oder kaum noch Menschen geben wird, große oder kleine Kriege, viel Natur oder wenig, bieten sich verschiedene Lösungsmöglichkeiten: Menschen könnten Nomaden werden oder unter Wasser leben oder sehr religiös und ruhig werden, Frauen und Männer könnten getrennt leben, Männer vielleicht gar nicht mehr, und wenn, dann vielleicht als extraterrestrische Besucher, äußerlich ähnlich, aber den Erdenmännern haushoch überlegen, Menschen könnten in ländlichen Gemeinschaften leben unter einem weisen Führer, eins ist jedenfalls klar: alle großen Probleme werden gelöst sein.
Terry O’Connor und Robin Arthur brauchen für ihr neues Stück „Tomorrow’s Parties“, das beim Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg zur Deutschlandpremiere kam, nicht viel, um diese Szenarien zu entwickeln. In Alltagskleidung stehen sie auf zwei übereinandergelegten Europaletten. Hinter ihnen deutet eine bunte Glühbirnenkette ein Zirkuszelt an. Wie Kinder im Spiel versuchen sie einander mit Visionen zu übertreffen, daraus wird ein Überlebenskanon im Storytelling.
Meister der ironischen Zuspitzung
Und das Ganze wäre nicht eine Performance der Gruppe Forced Entertainment, wenn die totalitären Phantasien nicht gleich beim Namen genannt würden. Wobei sich Forced Entertainment wieder einmal als Meister der ironischen Zuspitzung erweist: Von der Bevölkerungsexplosion (ein Körper für viele, auch zur Wochenendausleihe) über das Klonen (mit der Gefahr, dass die eigenen Klone über einen herziehen) und die Ghettoisierung (von der Integration zur Segregation) zum zwischenmenschlichen Sex (nur noch für die Alten), Isolation (Nummern statt Namen), Tod (ein Kinderschreck wie Knecht Rupprecht), Kinder (die von Robotern gepflegt werden), Parallelwelt im Internet (Sex der Jungen) entwerfen sie scheinbar improvisierend in gespielter Harmlosigkeit Szenarien, die immer näher an Georg Orwells Big Brother aus „1984“ geraten, entlassen ihre Zuschauer dabei aber nicht aus der Logik des Spiels, das immer auch Hoffnung auf eine bessere Welt erzeugt. Die traurigste Variante ist, dass in Zukunft alles bleiben könnte, wie es ist.
Natürlich spiegeln sich in den Visionen die gegenwärtigen Bedrohungen und Ängste der Menschheit, man liest sie daher unwillkürlich als unzulängliche, tragikomische Bestandsaufnahme der Weltprobleme. Die durchsichtige, jedoch doppelbödige Leichtigkeit, mit der die englische Gruppe um ihren Regisseur Tim Etchells sich an die schwierigsten Themen heranwagt, ist nach wie vor ihr Geheimrezept.
Forced Entertainment überschreitet Grenzen
Seit 25 Jahren probt Forced Entertainment erfolgreich die Grenzüberschreitung. Sie hat Bach und Deep Purple zusammengebracht, Pop Art und Trash, Aktionskunst und Videoperformance. Immer wieder bezog sie das Publikum und die bildende Kunst mit ein, etwa in Performances, in denen sie sich in immer neue Rollen begibt oder sich, in Königskostümen, einen 24-stündigen Wettstreit im Erzählen von widersprüchlichen, aber auch fortgesponnenen und geklauten Geschichten liefert oder einfach nur Fragen stellt.
In ihrem neuen Stück brechen sie mit den Mechanismen der postdramatischen Theater-Avantgarde. Sie werfen einen exklusiven Blick auf das Theater in seiner puren Form, auf die Sprache und das Erzeugen von inneren Bildern. Ist das nun Avantgarde? Auf jeden Fall ist es zauberhaft.
Kampnagel Hamburg, 26.8., PACTZollverein Essen 2.-3.12.