Theater

09. November 2012

Forsythe Study#3: Hauptsache gut geklaut

 Von Sylvia Staude
William Forsythe schreibt ab - bei sich selbst. Foto: dpa

Eine Hommage von Forsythe auf Forsythe: In „Study # 3“ zitiert der Choreograf seine eigenen Arbeiten.

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Ein wenig kokett ist die Liste schon, die William Forsythe im Programmblatt abdrucken lässt. Da steht: „,Study # 3‘ verwendet Bewegungssequenzen, kompositorische Methoden, Musik, Text, Requisiten, Kostüme, Beleuchtung, Bühnenbildkomponenten und technische Effekte aus folgenden Werken“ – und dann folgt eine lange, chronologische Liste von „Die Befragung des Robert Scott“ von 1986 bis zu „Study # 1“ von 2012. Insgesamt werden 26 Forsythe-Choreografien genannt, plus „Life and Times“ vom Nature Theatre of Oklahoma, das noch dieses Wochenende damit in Frankfurt im Mousonturm gastiert. Schaut her, sagt die Liste in einer Zeit ständiger Plagiats-Skandale, ich habe abgeschrieben, aber ich bekenne mich dazu – es war schließlich bei mir selbst. Gut möglich, dass das vor allem ironisch gemeint ist.
Denn die Liste stellt implizit die Frage, welcher Choreograf durch mehr als drei Jahrzehnte kreativen Schaffens kommen soll, ohne sich immer wieder selbst zu zitieren. Choreografen sind Autoren, sie haben einen bevorzugten Wortschatz, Satzbau, pflegen eine bestimmte Kapitel-Dramaturgie, den Techniken nicht unähnlich, mit denen ein Schriftsteller seine Texte baut. Ein Stück Forsythes ist – bei entsprechender Seherfahrung – auch dann als ein Stück Forsythes zu erkennen, wenn er sich nicht eine Stunde lang augenzwinkernd zitiert.

"Study #3": Premiere in Frankfurt

Die erste „Study“-Fassung entstand, offenbar recht spontan, im Frühjahr in Brescia, aber auch aus der wird in „Study # 3“ nurmehr zitiert. „Study # 3“ also zeigte die Company jetzt als Frankfurt-Premiere im LAB in der Schmidtstraße, da das Bockenheimer Depot renoviert wird. Der bescheidenere Raum – vor allem ist er recht niedrig – trägt dazu bei, dass das kleine, stille Stück noch intimer, unspektakulärer wirkt, als es das im hohen Depot getan hätte.
Es ist gleichsam eine Aneinanderreihung von Bleistiftskizzen, von Studien eben. Gleichzeitig aber ein William-Forsythe-Lexikon im Taschenformat, indem es die Arbeitsfelder, Vorlieben, Körperforschungen des Choreografen in stichwortartiger Kürze aufruft. Und es ist, nicht zuletzt, ein Sehnsuchts-Stück, ein Nostalgie-Abend. „Study # 3“ ruft Erinnerungen wach. Schön, wie Forsythe dabei auch einige seiner älteren, langjährigen Tänzer selbstverständlich einfügt: David Kern, der einst ein herrlich wilder Mann war in „The Loss of Small Detail“, Dana Caspersen, Jone San Martin, Fabrice Mazliah, Ander Zabala, Amancio Gonzalez, der mittlerweile ganz grau geworden ist.

Da wird das Zitat ein Spaß

David Kern sprachspielt am Mikro, wie er das zuletzt oft virtuos getan hat in den Stücken Forsythes, auch Jone San Martin und Amancio Gonzalez steuern einen hinreißenden Dialog in Fantasiesprache bei, Dana Caspersen ruft ihren Spinnen-Monolog wieder auf aus „Eidos:Telos“. Abrupt geht immer wieder das Licht im Zuschauerraum an, dann aus, dann an. Mal gibt es ein balanchineskes blaues Leuchten, mal weitgehende Dunkelheit auf der Bühne. Da wird das Zitat ein Spaß. Wie auch bei den spärlichen Requisiten, einem großen Stück Filz zum Beispiel. Könnte der Erinnerung der Rezensentin nach aus „Angoloscuro“ sein.
Aber obwohl Forsythe schon seit Jahren oft auch das Geräuscherzeugungspotenzial seiner Tänzerinnen und Tänzer herausfordert, ihr Knarzen, Stöhnen, Keuchen, Fauchen, ihr Baby-Lallen, Raben-Krächzen und Sektkorken-Ploppen, obwohl an diesem Abend das stimmgetriebene Laut-Spiel die wenigen Musikbröckchen von Thom Willems überwiegt, reihen sich doch in „Study # 3“ natürlich vor allem die Forsytheschen Bewegungsvariationen. Sie tun das auf ganz entspannte, abwechslungsreiche Weise.
Hier erlaubt es sich ein großer, beileibe nicht mehr junger Choreograf (Forsythe ist Jahrgang 1949), sich mit sich selbst und seiner Geschichte zu beschäftigen. Der Abend ist so kurz, dass er sein Thema gar nicht überstrapazieren kann. Wie hingetupft erscheinen vielmehr die dramaturgisch raffiniert neu gereihten Zitate, ähnlich den musikalischen Stilmosaiken eines John Zorn.
Da verhakeln und schrauben sich Yoko Ando und Yasutake Shimaji zart in- und umeinander, da trumpft Riley Watts – lässig mit Baseball-Cap – mit atemberaubenden Pirouetten auf, da flipfloppt Cyril Baldy artistisch und komisch zugleich über den Boden, ist Josh Johnson mit seinen langen Gliedmaßen für geschmeidige Eleganz zuständig, die ja ebenfalls ein Forsythescher Aspekt ist. 16 Tänzerinnen und Tänzer insgesamt zeigen an diesem Abend mit charmanter Leichtigkeit, wie fein sie den in alle Raum-Richtungen sich ausbreitenden Schraub-Stil des Choreografen, seine intrikate Körper-Häkelei beherrschen.
„Study # 3“ ist auch eine hübsche Hommage von Forsythe auf Forsythe. Eine Lebensbilanz ist es aber hoffentlich noch nicht.

Frankfurt LAB: 10., 11., 14.-17. November, jeweils 19.30 Uhr. www.theforsythecompany.com

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