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Frankfurt: Der plötzliche Tod

Im ganz normalen Familienleben: Simon Stephens´ "Steilwand" als deutsche Erstaufführung in Frankfurt verzichtet auf alles, außer den Schauspieler. Von Sylvia Staude

Vor der Aufführung findet man es verwunderlich, dass das Frankfurter Schauspiel die deutsche Erstaufführung eines Stückes von Simon Stephens, und sei es ein Monolog, in die winzige, bühnenbildlose "Box" packt. Immerhin gilt der 1971 geborene Stephens in seiner Heimat Großbritannien als einer der wichtigsten zeitgenössischen Theaterautoren, und in Deutschland wurde er 2008 von Theater heute zum "Dramatiker des Jahres" gewählt. Nach der Aufführung findet man, dass der Schauspieler Isaak Dentler nicht nur so oder so ein perfekter Alex ist, sondern ein Stück weit auch deswegen ein perfekter Alex sein kann, weil er nur ein Stück Kreide und einen schmalen Kieselstreifen (Bühne: Olga Ventosa Quintana) hat, um uns seine Geschichte zu erzählen. Und ein wenig Zwischenmusik.

Alex ist 31 und arbeitet offenbar als Fotograf. Er ist verheiratet mit Helen und hat eine Tochter, Lucy. Jeden Sommer fährt die kleine Familie zu Helens Vater nach Südfrankreich; mit Kreide zeichnet Dentler die ungefähre Lage von Toulon und Carqueiranne auf eine Wand der "Box". Alex versteht sich gut mit seinem Schwiegervater, und Lucy, wie ihr Vater stolz berichtet, wickelt sowieso alle um den kleinen Finger.

"Steilwand" ("Sea Wall", 2008) ist der Titel dieses eine Stunde dauernden Monologs; es geht um eine unter der Meeresoberfläche liegende Landschaft. Ähnlich liegen unter Stephens´ Text zunächst vage Bedrohungen und Dunkelheiten. Der Schwiegervater war Soldat, manchmal zeigt er Fotos aus Nordirland, deren Inhalt nicht benannt wird, aber ziemlich schrecklich sein muss. Die Geburt Lucys war nicht leicht, Alex hat um seine Frau gefürchtet. Und dann kommt, aus heiterem Sommerhimmel, der große Sturz von der Steilwand, der auf den Uferfelsen ein eher kleiner ist, zwei Meter bloß, aber Lucy tötet.

Alex schwimmt gerade, er sieht Lucy fallen, nimmt sie gleich darauf seinem Schwiegervater ab, spürt einen Klumpen Blut im Haar des Kindes, geht (?), läuft (?) rauf ins Haus. Dann sitzen Alex, Helen, ihr Vater auch schon am Flughafen, auf der Beförderungsliste entdeckt Alex beim Einchecken ganz unten "menschliche Überreste".

Simon Stephens ist sparsam mit Gefühlen und Worten. Ein paar Details reichen, auf dass der Zuschauer das Furchtbare eines Kindstodes vor Augen hat. Ein paar Zeilen genügen, die Zeit nach diesem Tod zu imaginieren: Was wird das für die Ehe bedeuten, was für die Beziehung zum Vater/Schwiegervater, der aufpassen sollte auf Lucy.

Isaak Dentler und die Regisseurin Lily Sykes verstärken das Stephens´sche Understatement eher noch. Auf dem Kieselstreifen steht ein Mikro, aber Dentler nützt es nicht für Lautstärke. Vielmehr dient es dazu, die kleinen Dialoge abzusetzen, die Alex mit seinem Schwiegervater zum Thema Gott hat. Denn Simon Stephens erzählt zwar einerseits von der Tragik ganz normaler Menschenleben, aber er scheut sich nicht, zuletzt noch eine Tür zu größeren Themen aufzustoßen.

Schauspiel Frankfurt: 13., 14. Januar, 2., 14., 26. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

Autor:  Sylvia Staude
Datum:  12 | 1 | 2010
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