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Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm: Input und Output

Wissen die Frankfurter eigentlich, was sie da haben? Der Mousonturm ist eine der wichtigsten Spielstätten der Freien Szene, nicht nur in Deutschland. Doch was wird daraus, wenn Chef Dieter Buroch geht? Von Peter Michalzik

Das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm.
Das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm.
Foto: Jörg Baumann

Wissen die Frankfurter eigentlich, was sie da haben? Der Mousonturm ist eine der wichtigsten Spielstätten der Freien Szene überhaupt, nicht nur in Deutschland. 1988 eröffnet, wird er seitdem kompetent von Dieter Buroch geleitet, das Haus ist hervorragend ausgestattet, das alte Fabrikgebäude liegt im Frankfurter Ostend mitten in der Stadt. Es gibt kaum einen Ort, wo die Voraussetzungen für modernen Tanz und modernes Theater besser sind als hier.

Hoffentlich wird das so bleiben. Denn Dieter Buroch wird sich demnächst verabschieden. Niemand weiß, wer sein Nachfolger werden soll. Das ist nicht weiter verwunderlich, verwunderlich aber ist, dass niemand in Frankfurt darüber diskutiert. Es gibt keine Kommission, die sich mit der Frage auseinandersetzt. Es gibt keine Ausschreibung der Stelle. Der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth reagiert ungehalten, wenn man ihn auf das Haus auch nur anspricht. Dabei müsste man doch erst einmal darüber reden, welche Rolle dieses Haus spielen soll, welches Profil man ihm jetzt geben möchte. Was wäre in welchem Sinn eine gute Lösung? Für wen? Und wozu? Man nennt das Anforderungsprofil oder Stellenbeschreibung.

Will man ein Haus, das ähnlich wie Kampnagel in Hamburg oder das HAU in Berlin international vernetzt ist, wo interdisziplinär gearbeitet wird, wo man - wie in Berlin - die Diskurshoheit für Tanz, Performance und diese Art Theater inne hat?

Auf der geheimen Liste von Semmelroth und Buroch scheinen jedenfalls kaum Namen zu stehen, die in der Szene der international agierenden freien Produktionsstätten ernst genommen werden. Zumindest weiß in dieser Szene niemand davon. Dabei ist genau diese Szene das schlagende Herz des Fortschritts im Tanz und im Theater. Und der Mousonturm hat sich bisher immer dazugezählt, auch wenn er zuletzt weniger Grund dazu hatte.

Dass es bei der Kandidatensuche keine Verbindungen in die aktuelle Szene zu geben scheint, muss auch die Frankfurter langsam skeptisch machen. Haben sich da zwei Brüder im Geiste - Kulturdezernent Felix Semmelroth und Dieter Buroch verstehen sich prächtig - auf die Suche gemacht, die die modernen Strukturen und die Leute nicht oder nicht mehr kennen, die hier den Ton angeben?

Die Voraussetzungen in Frankfurt sind eigentlich ideal. Dank des politischen Geschicks von Buroch ist der Mousonturm das vermutlich bestausgestattete Haus dieser Art in Europa. In Belgien würde sich jedes der dortigen Kunst-Zentren, die einst das Vorbild für Häuser wie den Mousonturm waren, nach dem Haus in der Waldschmidtstraße die Finger ablecken. Das heißt, die Stadt hat eine hervorragende Position, wenn es darum geht, eine renommierte Persönlichkeit nach Frankfurt zu locken. Es gibt international gefragte Leute, die zur Zeit keine Stelle haben, es gibt international gefragte Leute, die für den Mousonturm mit Sicherheit ihre Stelle verlassen würden.

Nachdem sich die Theatzerszene in der Stadt gerade wieder zurechtgeruckelt hat, steht das gesamte Feld des Avantgardistischen alleine für den Mousonturm offen (was lange nicht der Fall war, da erst das TAT und dann Elisabeth Schweeger dort auch ackerten). Das Schauspiel Frankfurt ist inzwischen eher konservativ und traditionell, da kann der Mousonturm wieder das sein, wofür er eigentlich da ist: zukunftsoffen, experimentell, international, interdisziplinär. Zweifelsohne könnte der Mousonturm ein Haus sein, das international Strahlkraft entwickelt (was es nicht mehr tut). Zweifelsohne wird es auf die gesamte Szene in Europa Auswirkungen haben, wie sich Frankfurt entscheidet. Das internationale Produktionsnetzwerk für die Performing Arts ist geradezu darauf angewiesen, dass der Mousonturm wieder eine wichtige Rolle spielt.

Frankfurt ist eine Stadt, die sich gern international gibt und die auch darauf angewiesen ist, aber das scheint hier niemand außer den Kulturdezernenten zu kümmern. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Da in der freien Szene auch europaweit die Produktionsstätten nicht sehr zahlreich sind, könnte Frankfurt hier in kürzester Zeit eine wichtige Rolle spielen: Bei gleichem finanziellen Input hätte man viel mehr Output zu bieten.

Das heißt nicht nur, dass hier wichtige Premieren der Großen stattfinden könnten, wie es ja schon einmal war. Das heißt auch, dass die Möglichkeit besteht, dass sich in Frankfurt endlich auch mal wieder Künstler ansiedeln anstatt nur dauernd nach Berlin oder anderswohin zu ziehen.

Das Tanzquartier in Wien, das mit Sigrid Gareis vor bald zehn Jahren eröffnet wurde, hat es vorgemacht. Es hatte nicht nur international, sondern auch lokal Auswirkungen. Damals haben sich Künstler in Wien angesiedelt, die im Tanzquartier arbeiten wollten. Warum soll das nicht auch mal in Frankfurt passieren?

Der Tanzschwerpunkt, den das Kulturreferat favorisiert - und der auch ein wenig vom Tanzquartier beeinflusst ist -, ist sicher sinnvoll. Zur Entfaltung aber kommt er nur, wenn die interdisziplinäre Ausrichtung, die der Mousonturm von Anfang an hatte, beibehalten wird, wenn die Kooperation mit Städelschule, Gießener und Frankfurter Theaterwissenschaftlern, der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der Hochschule für Gestaltung in Offenbach gesucht wird. Dazu braucht es vielfältige Kompetenz und Offenheit.

Wenn es dagegen darum geht, jemand zu finden, der die neue Tanzcompagnie betreut, tut man den ersten Schritt, um den Mousonturm überflüssig zu machen.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  6 | 5 | 2010
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