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Frankfurter Schauspielhaus: Das Blut, das rote, rote Blut

Ein langes Luftholen geht durch das Frankfurter Schauspielhaus. Das Parkett atmet Theaterluft. Michael Thalheimer befreit mit "Ödipus" und "Antigone". Von Peter Michalzik

Marc Oliver Schulze ist Ödipus und dann auch Kreon.
Marc Oliver Schulze ist Ödipus und dann auch Kreon.
Foto: dpa

Ein langes Luftholen ging durch das Frankfurter Schauspielhaus. Das Parkett atmete Theaterluft. Erleichterung, Freude, Zustimmung, alles noch etwas verhalten. Wie verkrampft das Verhältnis zwischen Stadt und Theater die letzten Jahre hier war, man merkte es so richtig erst am Donnerstag bei der Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit.

Oliver Reese, der neue Frankfurter Intendant, hat gleich die Muskeln spielen lassen. "Ödipus" und "Antigone" als Antike-Doppel an einem Abend, wo meist eines dieser beiden Tragödienmodelle schon die Theater überfordert, das ist zumindest frech. Michael Thalheimer, der Regisseur des Knapp-Vier-Stunden-Abends, hat vor der Anmaßung keine Angst. Er nimmt sich, zusammen mit dem Bühnenbildner Olaf Altmann und den Schauspielern, den riesigen Raum des Frankfurter Schauspiels, wie er seit den Zeiten von Einar Schleef nicht mehr genommen worden ist.

Thalheimer ist Purist und Pathetiker. Er liebt die klaren Zeichen, die schwer im Raum stehen und dann brummend Bedeutung in die Runde senden. So kann der Schauspieler Marc Oliver Schulze, auf dem die Hauptlast des Labdakidenfluchs liegt, lange in verkrümmter Haltung stehen, als sei er eingefroren, beim Reden seine Hand öffnend nach außen drehen, als wollte er das Offensichtliche unterstreichend deutlich machen, und allein mit so einer Bewegung den ganzen Riesenraum einnehmen. Auch gegenüber Text und Theatergeschichte zeigt sich Thalheimer als Purist. Die alte Übersetzung von Ernst Buschor wird poliert, aber sie wird nicht ins Aktuelle hineingeschraubt. Und die Auftritte wirken zunächst einmal, als sei man in die Zeit des Sophokles zurückversetzt.

Als Kothurn tragen die Schauspieler Holzblöcke an den Füßen, wie bei Langläufern mit Riemchenbindung befestigt. Als Maske setzen sich alle eine Papiertüte auf den Kopf - von der Kostümbilderin Katrin Lea Tag alle in einem Stil, aber unterschiedlich gestaltet, was bei einem 40-köpfigen Chor und 8-köpfigen Ensemble keine kleine Leistung ist. Vor allem aber sind, wie bei Sophokles, für lange Zeit nicht mehr als drei Schauspieler auf der Bühne, oft fest an ihren Platz gestellt, von dort in die Runde rufend.

Souverän die Bühne von Olaf Altmann: Vor den Eisernen Vorhang hat er ein hohes, helles Holzpodest als Spielfläche gebaut, nach links und rechts bis zu den Eingangstüren reichend. Lange ist der Eiserne Vorhang geschlossen, gespielt wird frontal. Da verwandelt sich der Frankfurter Problemraum in eine großartige Theaterarena. Für manchen Dialog steht ein Schauspieler ganz links, der andere ganz rechts auf dem Podest und der Raum ist dann erfüllt von Unheil, Auseinandersetzung, Streit, Gedankenschärfe und vor allem Sprachwucht.

Marc Oliver Schulze, hier ein entschiedener Manierist, Wortschleuderer und Körperverdreher, spielt erst Ödipus, dann Kreon in "Antigone". Beide Male ist er die Zentralfigur, geschunden von Geschick und Einsicht, voll mit Blut. Sehr klar ist der Vorgang, aus dem sein "Ödipus" besteht: Er will die Wahrheit wissen. Er unterstellt eine Intrige, als er sie erfährt. Es widerfährt ihm die Einsicht der Wahrheit. Er erkennt. Schulze entfaltet das als Spiel mit Maske, nimmt sie ab, wenn er von den "frechen Lügen" der pestgeplagten Thebaner spricht, setzt sie auf, wenn ihm die Wahrheit näher rückt, dass er seinen Vater erschlagen und seine Mutter geschändet hat. Ödipus, das ist der Werber für die Wahrheit, den sie selbst so grauenvoll erwischt.

Kreon, das ist dann der Demagoge und Despot, die Fratze des selbstgefälligen Machthabers, gespielt nun ohne Masken, ein wenig psychologischer, ein wenig moderner. Die Inszenierung enthält sich klug aller zeitgenössischen Anspielung. Aber wenn Kreon am Anfang von der Stadt spricht, die fördernd ihn erhält, wenn er das wie ein parvenühafter Politkarrierist sagt, so als sagte er, man müsse jetzt auf dem Teppich bleiben, wenn er eine Entschiedenheit an den Tag legt, die man ihm nicht abnimmt, weil sie so gravitätisch daherkommt, wenn er die Rede in die Überartikulation treibt und sich dabei auch noch gefällt, dann muss man schon an jenen Politiker denken, der sich gerade anschickt, deutscher Außenminister zu werden. Wie es in Wirklichkeit endet, werden wir sehen - hier endet es mit einer blutgebadeten Nosferatu-fratze und, wie auch Ödipus, mit langen, lauten Schreien.

Michael Benthin als Teiresias ist großartig, Oliver Kraushaar als Bote oder Wächter ebenfalls. Konstanze Becker als Iokaste strahlt wie eine lebendig gewordene Heroine von Gustav Klimt, und verschwindet als Antigone. Der zweite Teil, "Antigone", ist in der Tat deutlich schwächer, zu selbstverliebt im Unrecht ist dieser Kreon, zu sehr im Recht Antigone. Die gesamte Aufführung ist eine Fortsetzung von Thalheimers teils bejubelter, teils für zu leicht befundener Berliner "Orestie". Chor, Holz und Blut sehen aus wie ein Direktimport aus der Hauptstadt, Blut vom gleichen Blut.

Die Kombination der beiden Stücke erweist sich als überflüssig. Wo in Teil 1 Erkenntnis war, ist in Teil 2 Demagogie, wo Masken waren, sind dann die bloßen Köpfe und etwas mehr Psychologie, wo das Blutsrecht herrschte, herrscht jetzt das moderne Staatsrecht, aber was gleich bleibt, ist das Blut. Die Welt ist ein Blutbad, sagt die Aufführung, wie gern bei Thalheimer. Das rote Blut, das von Anfang an das helle Holz befleckt, das rote Blut, das erst Kreons Gesicht und am Ende alle bedeckt, das Blut, das rote, rote Blut.

Schauspielhaus Frankfurt. Ödipus und Antigone gemeinsam: 1., 3., 24. Oktober. Nur Ödipus: 4., 15., 23. Oktober. Nur Antigone: 8., 21. Oktober.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  5 | 10 | 2009
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