In die Frankfurter Tanzszene ist endlich wieder Bewegung gekommen. Absolventen der Hochschule arbeiten auch choreografisch und stellen gemischte Abende zusammen, im Mousonturm startet bald wieder eine hauseigene Company um die Choreografin Crystal Pite, "Kidd Pivot Frankfurt RM", draußen in der Schmidtstraße, einst Dependance des Schauspiels, hat sich die Forsythe Company angesiedelt und wird Neues und Experimentelles anstoßen.
Und wenigstens eine alteingesessene Choreografin bringt immer wieder tapfer Produktionen heraus: Marie-Luise Thiele mit ihrem Freien Tanztheater Frankfurt. 25 Jahre alt wurde das FTTF vergangenes Jahr. Die Tänzer haben natürlich gewechselt; allerdings ist diesmal Christian Golusda dabei, der Jahrgang 1948 ist und mit Marie-Luise Thiele noch vor FTTF-Zeiten in der Gruppe "Tanz & soweiter" zusammenarbeitete.
Gallustheater Frankfurt: 10. April. www.gallustheater.de
Eine hübsche Szene gibt es in "HautDisTanz", in der Golusda mit seinem Alter kokettiert: Er laufe sowieso außer Konkurrenz, sagt er, als sich alle vier Darsteller anpreisen, auf dass sie zum Beispiel endlich "einen Kuss, ein Küsschen nur" kriegen. Marie-Luise Thiele erarbeitet ihre Stücke stets entlang von Themen - ohne das Korsett eng zu schnüren. Bei dieser Choreografie, die jetzt im Frankfurter Gallustheater Uraufführung hatte, geht es um die Haut. Um Nähe und Berührung, um das Ertasten von Dingen, um die zweite Haut auch, mit der wir uns umhüllen.
Man merkt, dass Marie-Luise Thiele vom Tanztheater geprägt wurde; freilich ist sie nie so brachial und auch nicht so politisch wie Johann Kresnik, für den sie einst tanzte. Sie saugt ihren Honig wie Pina Bausch überwiegend aus dem Privaten. Locker reiht sie die Szenen. Es gibt nette, spielerische Texte zu hören, etwa über die Elefantenhaut und warum sie an vielen Stellen relativ dick sein muss - versuchen Sie mal, 20 Kilo in einer Papiertüte zu transportieren! Und die Darsteller - neben Golusda sind das Céline Bräunig, Ricardo Pereira, Anastasia Yakovleva - singen sogar, passend zum Thema unter anderem "Cheek to Cheek". Ansonsten kommt Musik von Marilyn Mazur bis Monteverdi zum Einsatz.
Auf der leeren Bühne wird zu preisgünstigen, aber hübschen Requisiten gegriffen: einem Nudelholz, mit dem die Körper-Kurven abgerollt werden können, Kohlköpfen, die sich auch mal vor Liebe fressen lassen, großen Holzstricknadeln, mit denen sich fechten lässt, Folien, die sich wie eine heruntergerutschte Haut um die Füße wickeln. Eine freie Gruppe, die nicht gerade viel Förderung erhält, muss sich was einfallen lassen - Thiele tut es mit Charme.
Die Bewegungssprache setzt, das ist bei einem Titel wie "HautDisTanz" logisch, auf Berührungen und Körper-Verwicklungen. Oder eben Verwicklungen in Dinge wie Folien und Mäntel. Oder Gefühlsverwicklungen. Zuletzt gibt es noch einen kleinen Film, in dem zwei Hände mit langen Stricknadeln weniger fechten als die Nadeln erfühlen und liebkosen. Da möchte man gleich nach etwas greifen und es spüren.