Man nehme sämtliche Vorurteile, die einem gegen Sigmund Freud einfallen, stecke sie in einen Sack und schüttele einmal gründlich durch. - Die unter Verschluss gehaltenen Briefe an Wilhelm Fließ, feministische Kritik am ödipalen Dreieck sowie alle populären Vorurteile gegen den Begriff der Hysterie. Dies Potpourri auf einer Bühne verteilt, und fertig ist Terry Johnsons "Hysteria".
Sigmund Freud (Maximilian Achatz), vom Kieferkrebs zerfressen, ist in seinem Arbeitszimmer im Londoner Exil im Morphiumrausch entschlummert. Im Traum besucht ihn eine ehemalige Patientin (Monica Anna Cammerlander), Hysterikerin oder ihre Tochter - die Figur ist im Traum verdichtet. Gleichzeitig erhält er Besuch von einem infantil-narzisstischen Dalí (Carl Achleitner), der Freuds "Talking Cure" durch Klamauk ad absurdum führt. Freuds Hausarzt Yehuda (Willy Höller) spielt dabei das Über-Ich durch Fragerei.
Dass die Inszenierung von Rüdiger Hentzschel mehr als nur eine sadistisch getaktete Groteske ist, hat drei Gründe: Zunächst die Bühne von Johannes Leitgeb, ein schneeweißer Raum. Der Boden ist nach vorne abschüssig, eine "schiefe Bahn". Die Schauspieler erscheinen darauf unnatürlich vergrößert, ragen aus der Kulisse heraus, was die Einheit von Handlung und Ort verzerrt. Dann ist die Redegeschwindigkeit gebremst. Im englischen Original jagt ein hintergründiger Wortwitz den anderen. Der Dialog ergießt sich dabei über das Publikum wie ein ausgestülpter Subtext. Durch die Pausen entsteht Raum für die Schauspieler gestisch und durch körperliche Präsenz zu gestalten. Freuds Tatterigkeit, Dalís aufgerissene Augen, Yehudas Wiener Schmäh bedürfen dieser Verzögerungen.
Drittens kann ein deutsches Ensemble nicht so unbekümmert die Geschichte jüdischer Verfolgung durch den Kakao ziehen wie etwa die aktuelle Inszenierung im Frankfurter English Theatre. Im Deutschen hält die Nachdenklichkeit Einzug.
Cammerlander gibt das Mädchen; vom Vater missbraucht, von Freud behandelt und später in seinen Schriften als Opfer des Vaters verleugnet. Die kindliche Beharrlichkeit, mit der sie Freud zwingt, sich ihr zuzuwenden, nimmt man ihr eher ab als die Ernsthaftigkeit, mit der sie die Erinnerung der Vergewaltigung erneut durchlebt. Das liegt auch daran, dass das verlangsamte Tempo dem Publikum die Möglichkeit lässt, zu Atem zu kommen. Diese Distanz lässt den Reigen der Handlung oft wie eine Autofahrt mit Stotterbremsung erscheinen, holperig und endlos.
Fritz-Rémond-Theater, Frankfurt:
bis 24. Mai. www.fritzremond.de