Nach der Uraufführung von "Johnny Chicago oder: Super ist gar kein Ausdruck", dem "Spiel in sechs Aufzügen, fünf Werbepausen und fünf Einspielern" von Jakob Hein hier ein Vorschlag zur Güte: Vierteilt den Titelhelden!
Ja, die Strafe, die sich Udo der Unvollkommene für seinen Hofnarren und späteren Ex-Star Johnny Chicago (Kurt Krömer) ausgedacht hat, klingt erst einmal grausam - aber im Vergleich zu der Demontage, die Johnny (und mit ihm ein bisschen auch Krömer) in der Kai-Kacke-Show "Stars von gestern" widerfährt, ist das langsame Zerreißen bei lebendigem Leibe noch human.
Mindestens so wichtig wie diese leider misslungene Inszenierung an der Volksbühne (dazu gleich) ist ihre schöne Entstehungsgeschichte. Kurt Krömer ist ein Fernsehkomödiant, genauer: ein Fernsehkomödiantenparodist, der bürgerlich Alexander Bojcan heißt.
Seine absolut empfehlenswerten, ausgestellt dilettantischen Shows bestechen durch das unerschütterbare Figurenklischee eines Neuköllners niederer Herkunft und durch Krömers konsequent ausgespielte Mir-kann-keiner-was-Haltung, mit der er seine Gäste vollmotzt.
Risikolose Improvisation
Mit diesen Voraussetzungen kann man ohne jedes Risiko losimprovisieren. Jeder Patzer, jeder Hänger, jede Geschmacklosigkeit, jede verpeilte Pointe tragen da nur zur gesteigerten Heiterkeit bei. Zu einer Heiterkeit, die beim Großteil des Publikums pures Glück über das Wesen der Bescheuertheit sein dürfte, aber für den reflexionsfreudigeren Humorfreund auch Medien-, Zeit- und Spaßkritik impliziert.
Einer der Krömer-Show-Glanzpunkte war der Auftritt des Schriftstellers und Kinderarztes Jakob Hein, der als Vorlesestar von der Reformbühne Heim und Welt auch schon fast unsterblich ist. Die beiden verstanden sich sofort so gut, dass ihnen prompt die Gesprächsthemen ausgingen und sie sich - auf Heins Vorschlag, ob man sich nicht ein wenig schubsen wolle - alsbald prügelnd auf dem Boden wälzten. Das ist lustiger, als es klingt.
Und diese Sternstunde der gebührenfinanzierten Fernsehunterhaltungsparodie sollte einfach so verlöschen? Das wollten die beiden neuen Kumpel nicht zulassen und enterten die subventionierte Volksbühne für eine Fortsetzung mit anderen Mitteln - wie es heißt, gegen den spaßverderberischen Willen von Chefdramaturg Stefan Rosinski, der auch gleich seinen Posten verlor. Das klingt lustiger, als es ist.
Also: Hein schrieb Krömer ein grenzenlos bescheuertes Stück auf den Leib - eine zynische, geschickt gebastelte, mehrbödige und mehrfach gebrochene Medienbetriebsreflexionskomödie, die auch vor Hitler-, Gott- und Castorfwitzen, vor Toupetlüpf- und Türknallspäßen nicht halt macht. Der Film- und Fernsehregisseur und Produzent Jochen Alexander Freydank (der 2009 den Kurzfilm-Oscar gewann) übernahm die Regie.
Worum geht es? Der Titelheld ist der abgehalfterte Schlagerstar und Ratgeberautor Johnny Chicago, der noch eine CD aufgenommen und eine Tournee auf eigene Kosten geplant hat und all seine völlig unbegründete Hoffnung in den Auftritt bei der "Star von gestern"-Show mit dem Moderator Kai Kacke (Hein), seiner Assistentin Bettina (Inka Löwendorf) und Live-Band legt.
Fehlende Spontaneität
Kai Kacke interessiert sich natürlich nur für die Promis (ein Tischler aus Nazareth und ein Kunstmaler aus Braunau) der letzten Jahrtausende und für das Sexualleben der Steinzeitmenschen, die laut Chicagos allerdings interessantem Zeugnis noch nicht nach Geschlechtern unterschieden. Kacke quetscht Chicago aus und lässt ihn dann angeekelt fallen. So endet der Abend, der bei all dem Humor-Input bedauerlicherweise meistens unlustig ist, sogar noch richtig traurig.
Es gibt auch eine Erklärung: Man hat Krömer nicht nur die Brille genommen, sondern auch seine Spontaneität. Dass er Text lernen kann, hat er schon in der Schaubühne bewiesen, in dem von Thomas Ostermeier inszenierten Broadway-Klassiker "Room Service" vor zweieinhalb Jahren (auch damals gab es Klagen, dass man das Theater ans Fernsehen verkaufe). Seinerzeit aber durfte er seine Brille aufbehalten und bekam Raum für improvisierte Monologe und Schimpftiraden.
Bei Freydank muss er - wie sein Kompagnon Hein - dessen getimte Pointen bedienen. Da sind Effizienz, Ausdruckskraft und Handwerk gefragt, über die allein die einzige Schauspielerin des Abends, Inka Löwendorf, verfügt. Und so entsteht ein fürchterlicher Verdacht: Sind die virtuosen Dilettanten Krömer und Hein vielleicht doch aus Versehen dilettantisch? Ist die ganze Verballhornung des hohlen Medienbetriebs vielleicht selbst einfach nur hohl?
Volksbühne Berlin: 27., 29., 30. Juni; 1., 4., 5., 8., 9. Juli 2010 www.volksbuehne-berlin.de