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Gemengelage des Gefühls

Alice Buddeberg interpretiert Goethes „Clavigo“ im Schauspiel Frankfurt

Solch einen Quark mußt du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die andern auch.“ Johann Heinrich Merck, Goethes Darmstädter Jugendfreund, dachte bei seiner unwirschen Kritik an den „Götz“. Gefallen hätte dem Darmstädter Kriegsrat dagegen wohl der „Clavigo“ von Alice Buddeberg (Regie) und Alexandra Althoff (Dramaturgie) für das Schauspiel Frankfurt. Die ohnehin überschaubare Personenzahl wird reduziert auf vier Akteure, zwei Parteien, die einander so sehr gegenüber stehen, dass ein melodramatischer Ausgang oder die harmonische Aussöhnung von Pflicht und Neigung nicht in Frage kommt. Was die andern auch können, ist dem überdurchschnittlich veranlagten Clavigo und seinem Freund und Mentaltrainer Carlos nicht genug. Carlos beginnt mit der PR-Arbeit schon auf den Treppen im Zuschauerraum – ein geschwätziger Premierengast, der von der tollen Wirkung seines Schützlings auf Frauen erzählt.

Schriftsteller Clavigo, aus geringen Verhältnissen stammend, hat sich einen ansehnlichen Platz in der Gesellschaft erschrieben, Marie, die ihm dabei von Nutzen war, trotz öffentlich angezeigten Eheversprechens sitzen gelassen. Alice Buddeberg erdet die abgehobene Bewältigungsstrategie in ihre Figuren hinein, indem sie deren persönliche Motivation und Deformation von den glänzend aufgelegten Darstellern spielen lässt und uns so einen Einblick verschafft in psychologisch gesteuerte Strukturen von Macht und gegenseitiger Abhängigkeit.

Für einen so labilen und lenkbaren Charakter wie Clavigo ist es zu viel Gefühls-Macchiavellismus, den ihm sein Ratgeber Carlos zumutet: Mach mich können, so will ich auch. Er ist zwar in der Tat ein Multitalent, aber sein Staatsschiff liegt noch auf dem Trockendock, da etliche Planken fehlen in dem offenen Schiffsrumpf im Bockenheimer Depot.

Arbeit am Karriere-Epos

Sandra Rosenstiel hat eine einprägsame Spielfläche geschaffen, ein so einfaches wie vieldeutiges Bild, das zugleich ramponierte Halfpipe für jugendliche Skateboarder oder Hamsterrad für den vergeblich strebenden Sisyphus sein könnte. Das Halbrund ist mit der Schrift bedeckt, die dem Emporkömmling erst den Aufstieg ermöglichte, ihm zwischendurch aber auch eine vertraute Zuflucht bietet. Wenn Clavigo mal wieder keinen anderen Ausweg sieht, arbeitet er mit Kreide weiter an seinem Karriereepos.

Christoph Pütthoff führt ihn als veritablen Gesangsinterpreten ein. Sein Clavigo leidet an der Gefallsucht. Da muss ihm ein „Ausreichend“ bescheinigt werden; dass Clavigo die Selbsttäuschung in seinen vielen Rollen für sich selbst glaubwürdig überspielen kann, zeichnet dagegen die Leistung Pütthoffs aus. Eine äußerst dichte Szene zeigt drei der Protagonisten in einer Reihe hintereinander stehend bei der Aussprache und einer aufs Neue geprobten Eheanbahnung. Während im Hintergrund Buenco (Viktor Tremmel) ganz Ausdruck ungläubig hoffenden Zweifels ist, leistet Clavigo Überzeugungsarbeit und entfaltet dafür das volle Programm seines Schauspieltalents. Ganz vorn durchlebt Marie (Kathleen Morgeneyer) einen Gefühlsumschwung. Wie in Trance tritt sie als eine zweite Ophelia in diese Welt und verlässt sie im Freitod.

Thomas Huber entfaltet als Carlos sein rhetorisches Geschick, übelste Schmähkritik an dem mittellosen Mädchen inklusive. So bleibt am Ende, nach dem freiwilligen Verzicht Maries, doch alles beim Alten, und Clavigo kann zum Ausklang seine Gesangskarriere fortsetzen.

Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot: 7., 8., 15., 17., 18., 20., 24. und 30. September.

Autor:  Michael Grus
Datum:  6 | 9 | 2010
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