Sieben der größten deutschsprachigen Sprechbühnen beginnen in der kommenden Spielzeit neu. Das Deutsche Theater in Berlin, das Thalia Theater in Hamburg, das Schauspiel Frankfurt, das Schauspiel Hannover, das Staatsschauspiel in Dresden und im befreundeten deutschsprachigen Ausland das Burgtheater Wien und das Schauspielhaus in Zürich: Sie alle bekommen neue Intendanten und neue Mannschaften. Es ist, als ob die halbe Bundesliga ausgetauscht würde.
Die Spielpläne und Ensembles der neuen Häuser sind vorgestellt, die Spielzeithefte gedruckt, als letzte Bühne hat gestern Zürich das Programm bekannt gegeben. Da stellt sich nun einmal im Theater nicht die Gretchen-, sondern die Schneewittchenfrage: Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Grundsätzlich ist diese Frage immer schon beantwortet. Die schönste und strahlendste Bühne, die reichste und üppigste ist das Wiener Burgtheater. Deswegen ist jetzt ja auch Matthias Hartmann dort Intendant. Nichts an Hartmanns Spielplan legt den Verdacht nahe, dass das Burgtheater seine Stellung verlieren wird. Matthias Hartmann zeigt schlicht alles, alle großen Namen, alle Schauspieler, alle Regisseure von Christoph Schlingensief bis Andrea Breth. Dazu Jan Lauwers und das Nature Theatre of Oklahoma. Leckere Häppchen. Nur ein Regisseur taucht immer wieder auf: Matthias Hartmann. Dessen Inszenierungen sind aber fast alle Übernahmen aus Bochum oder Zürich. Neues kann man in Wien dagegen noch nicht sehen: Das Burgtheater ist das einzige Theater, das bisher keine Bilder vorgelegt hat.
Germany's Next Top Theatre
Insofern streiten sich vorerst die anderen um den Rang als Germany's Next Top Theatre. Der zweite natürliche Kandidat für den ersten Platz, das Deutsche Theater in Berlin, neuer Intendant Ulrich Khuon, kommt betont finster über den Laufsteg der Spielzeitvorschau. Mit düsteren Kohlezeichnungen blickt das DT da auf seine Inszenierungen voraus, Andreas Kriegenburg eröffnet mit "Herz der Finsternis" und dem "Prinz von Homburg", Motto: "Und ich entschied mich für den Albtraum meiner Wahl." Zu lachen gibt's da eher nix. Immerhin, die Bilder der Schauspieler sind bunt und glänzend, neutral fotografiert in Illustriertenästhetik ohne Hintergrund: der bloße Mensch.
Dem DT den Menschenrang ablaufen möchte unübersehbar das Hamburger Thalia Theater, neuer Intendant Joachim Lux: 48 Schauspieler zählen wir in Berlin, 57 in Hamburg! Wobei manche in mehreren Städten auftauchen. Das Thalia-Doppel-T hat Lux zu einer kryptischen Figur umgewandelt, die er als was deutet? Natürlich, den Menschen! Ein Kerl ohne Rumpf und mit Stern als Kopf zwar, aber: ein Mensch. Innen im Heft sind die schauspielenden Menschen alle schwarz-weiß: einsame Wölfe im Hafen, Menschen unterwegs, Frauen in merkwürdigen Situationen. Alles irgendwie unsicher. Leicht bedrohlich oder bedroht zeigt sich ein Starensemble, das locker für zwei Häuser reichen würde. Und am Regiepult? Vor allem Luk Perceval: Da wird es auch finster-bedrohlich werden.
Wie ein kleines Hochglanz-DT-Thalia wirkt dagegen das Schauspiel Frankfurt (33 Spieler). Das Spielzeitheft ist so tiefschwarz, als würde man Trauer tragen. Wer auf seriöse Damen in schwarzen Kostümen und weißer Bluse steht, wird Gefallen an diesem Erscheinungsbild finden. Sind die aber auch seriös! Insgesamt zeigt man sich in Berlin, Hamburg und Frankfurt der Krise gewachsen und ist sich des Ernstes der Lage bewusst.
Dazu die Bilder der Frankfurter Schauspieler: Hart und hochglänzend konkurriert Frankfurt mit dem DT um das Foto, auf dem man Bartstoppeln und Hautporen am besten zählen kann. Sébastien Jacobi (Frankfurt) etwa hat 10 212 Barthaare, Ulrich Matthes (Berlin) dagegen nur 8781. Der Fotograf rückt den Gesichtern so nah, dass man alles ganz genau sieht: Pusteln und Poren, Flecken und Flechten. Hintergrund gibt es auch hier keinen, der Mensch steht allein. Lauter Hingucker, Schönheitspreise werden so aber nicht gewonnen.
Überraschungen kommen dagegen aus Hannover und Dresden. Keine großen Namen, viele junge Gesichter. Das extrem kleine Hannoveraner Heft sieht so schnoddrig aus, als käme es direkt aus dem Dramaturgiekopierer. Intendant Lars-Ole Walburg und Florian Fiedler führen ihre Regie da weiter, wo sie andernorts aufgehört haben. Die Schauspielerporträts sind auf braune Papiertüten gedruckt, die irgendwo herumstehen und dort für das Spielzeitheft noch einmal fotografiert wurden.
Siegerlorbeer für Dresden
Noch offener und bunter ist Dresden. Dresden! Intendant Wilfried Schulz setzt auf noch jüngere Regisseure, das Spielzeitheft ist knallgelb. Und es kommen sogar richtige Texte darin vor. Andernorts aus der Mode, wird in Dresden noch richtig gedacht, gesprochen und geschrieben. Die Schauspielerbilder sind bunt und mitten aus jenem Leben gegriffen, das sich jeder Schauspieler offenbar selbst aussuchen durfte. Dabei haben sie oft Film- oder Bildszenen nachgestellt. Für diese Kombination gibt es den Siegerlorbeer: Offen, anregend, lebendig! Der Westler Schulz sucht die Nähe zur fremden Stadt. Es wird sogar eine eigene Bürgerbühne geben. So viel ist sicher: Wenn das Dresdener Spiel schief geht, gibt es eine Hoffnung weniger.
Am gestrigen Dienstag kam dann noch Zürich dazu. Und siehe da: Intendantin Barbara Frey stellte Ensemble und Programm vor, als wollte sie allem die Krone aufsetzen. Auch hier ist alles bunt, durcheinander und lebendig. Die Ästhetiken wechseln und springen. Dem wilden Heft auf Telefonbuchpapier liegt ein zweites, schwarz-weißes (!) Heft bei: Darin ebenfalls Texte. Auch in Zürich denken sie also. Und dazu dann diese Fotos: Wieder minutiöse Hochglanzgenauigkeit, wieder schauen die Schauspieler uns direkt an, wieder sind sie hintergrundlos, wieder sehen die Bilder so aus, als würde man Stoppel und Pickel sehen.
Aber hier ist alles glatt: Bilder so künstlich, wie die Menschenklone von Inez van Laamswerde, bloß dass hier wieder alles normal aussieht. Der künstliche Zürcher Alltagsmensch, fremd und vertraut zugleich. Dafür muss es einen zweiten ersten Platz geben.