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Geschichte im Theater: Wirklich interessanter

Hans-Werner Krösinger greift die Themen für sein dokumentarisches Theater aus dem wahren Leben - diesmal seziert er das Flick-Imperium. Dabei zeigt die Geschichte, dass es sowieso das beste Theater ist. Von Renate Klett

Hans-Werner Krösinger
Hans-Werner Krösinger
Foto: Privat

Hans-Werner Krösinger hat schon dokumentarisches Theater gemacht, als es Rimini Protokoll noch gar nicht gab. Beide verbindet die Faszination, Sachthemen zu theatralisieren - sonst nicht viel. Während Rimini mit zeitgenössischen Sujets arbeitet und die jeweils zuständigen "Experten des Alltags" mit selbst verfassten Texten auf die Bühne stellt, interessiert sich Krösinger vor allem für historische Vorgänge und lässt Schauspieler die relevanten Dokumente "verkörpern" - nicht durch Darstellung, sondern durch Klang, Rhythmus und Analyse des Gesagten. Diese Arbeitsweise ist unendlich mühsamer, auch gründlicher und das Ergebnis sperriger und fordernder und sehr erkenntnisreich.

Krösinger entwickelte Aufführungen über die Völkermorde in Armenien und Ruanda, den libanesischen Bürgerkrieg und den Eichmann-Prozess, den Nato-Einsatz im Kosovo oder den Deutschen Herbst - lauter "große Themen", deren wuchtige Abstraktheit er mit einer Unmenge von recherchiertem Material aufdröselt und in nachvollziehbare Fragen, Details, Erkenntnisse und Zweifel umformt. Er beschäftigt sich bis zu einem Jahr lang mit dem jeweiligen Thema, findet die entlegensten Berichte, Zeugenaussagen, Archivakten.

Zur Person

Hans-Werner Krösinger,

geboren 1962 in Bonn, studierte "Drama, Theater, Medien" am

Institut für

Angewandte

Theaterwissenschaften in Gießen. Er inszenierte unter anderem am Bayerischen Staatsschauspiel München, dem ZKM Karlsruhe

und der Staatsoper Stuttgart, an der

Shouwburg Rotterdam und an

verschiedenen Berliner Theatern.

"Capital Politics" ist bis zum 16. Januar im HAU 3, Berlin, zu sehen. (fr)

www.hebbel-am-ufer.de

Ein belesener, umsichtiger, stets misstrauischer Historiker ist da am Werk, einer, der nie vergisst, dass die herrschende Geschichte die Geschichte der Herrschenden ist und dass Antworten meist dazu dienen, weitere Fragen zu verhindern. Deshalb gibt er keine - seine Aufführungen breiten das recherchierte Material aus und überlassen es den Zuschauern, Schlüsse zu ziehen.

Geschichte interessiert ihn halt

"Ich benutze das Theater als Analyseinstrument", sagt er, "die Aufführung ist ein Arbeitsangebot, sich anschließend weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Es wird keine Lösung geliefert, es geht nicht auf, man muss sich selbst dazu verorten." Das verlangt dem Publikum Konzentration und Aufmerksamkeit ab, Intelligenz und Geduld in einem Maße, wie man es vom heutigen Theater nicht mehr gewöhnt ist.

Aber das wachsende Krösinger-Publikum ist bereit, sich dem auszusetzen, weil es denken, verstehen, lernen will. "Geschichte ist etwas Gemachtes, und interessant ist immer, was dabei runterfällt und was übrig bleibt", erklärt er. "Sich einem Phänomen anzunähern, um die Zusammenhänge zu verstehen, das geht nicht ohne Geschichte, glaube ich. Und Geschichte interessiert mich halt auch."

Beim Studium in Gießen stößt Krösinger auf den Gastprofessor Heiner Müller. Man kann sich vorstellen, wie es zwischen den zwei Geschichts-Besessenen gefunkt haben muss. Über Müller lernt er Robert Wilson kennen, geht nach New York und wird dessen Assistent, später arbeitet er bei Müllers "Hamlet/Maschine" am Deutschen Theater Berlin mit, erlebt den Mauerfall als "der einzige, der damals von West nach Ost ging statt umgekehrt". Er sieht, wie verwundbar auch das beste Theater sein kann, wenn auf den Straßen Geschichte gemacht wird. Das verunsichert ihn, er braucht eine Denkpause, erhält ein Stipendium für die Stuttgarter Solitude und beginnt dort, Geschichte in Theater zu verwandeln.

Auch die Nato-Pressekonferenzen zum Kosovo-Krieg, die er später in Brüssel besucht, empfindet er als Theater mit einer präzisen, sehr effizienten Dramaturgie. Nach Nato-Auslegung ist, was im Kosovo passiert, nicht Krieg, sondern ein "low intensity conflict", der mit "low intensity language" vermittelt werden muss, und das will inszeniert sein: Welche Themen werden von oben gesetzt, wer wird von unten wie darauf reagieren - es ist ein Ritual, bei dem jeder Journalist die Rolle spielt, die ihm zugedacht ist. Und wenn es doch einmal knirscht im geölten Getriebe, dann kommt der human touch ins Spiel, dann wird dafür gesorgt, dass amerikanische und europäische Präsidentengattinnen die Flüchtlingslager besuchen - das lenkt ab, ein neues Thema ist gesetzt, und alle berichten nur noch darüber.

Solche Manipulationen im großen Stil faszinieren Krösinger, er spielt die Szenen nach in seinem Kosovo-Projekt "Mortal Combat" und montiert sie mit Zitaten aus Thukydes´ "Geschichte des Peloponnesischen Krieges". Die beeindruckende Aufführung findet im Gebäude der ehemaligen Staatsbank der DDR statt, und in der Folge wird er noch oft "site specific" arbeiten. Oder er holt das Publikum während der Vorstellung auf die Bühne und lässt es am Schluss auf seine liegengebliebenen Mäntel und Taschen im Parkett schauen - ein Bild, das wie ein Blitz in alle Köpfe fährt, evoziert es doch auf gespenstische Weise das Foto von den verwesten Leichen, das zu Beginn von "Ruanda Revisited" gezeigt wurde.

Die Wilson-Seite der Medaille

Im Laufe der Jahre werden die szenischen Dokumente auch formal immer anspruchsvoller, sinnlicher und doppelbödiger: Krösinger lernt, dass Begreifen von Zusammenhängen auch über Auge und Bauch laufen kann, nicht nur übers Hirn. Was früher oft spröde und kopflastig daherkam, ist heute auch ästhetisch ausgefeilt (die Wilson-Seite der Lehrmedaille), und das tut der Ernsthaftigkeit keinen Abbruch. Den Inhalt seiner Stücke hat der Regisseur seit jeher und recht raffiniert aus Schnitt und Gegenschnitt, Anekdote und Fakt, dokumentarischen und literarischen Texten montiert, inzwischen begreift er zunehmend auch die Form als Weg der Vermittlung.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass er sich manchmal auch mit "nicht-dokumentarischem" Theater beschäftigt, mit modernem Musiktheater oder Karl Kraus´ "Letzten Tagen der Menschheit". Aber "richtige Stücke" will er nicht machen - "da gibt es noch zu vieles, was mich in der Wirklichkeit interessiert". So sollen zwei zukünftige Projekte von der "Privatisierung des Krieges" am Beispiel der Söldner-Firma Blackwater handeln und von der vergessenen Tragödie in Darfur - "vergessen", sagt er, "weil es keine Bilder davon gibt".

Seine nun am Berliner HAU uraufgeführten "Capital Politics" sezieren das Flick-Imperium und die Menschen, die es aufbauten: Friedrich Flick und Sohn Friedrich-Karl. Stets erfolgreich, ob Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Regime oder BRD, wird die Flick KG im Dritten Reich zum "Rüstungsmusterbetrieb", Flick selbst ("Dienen ist meine Stärke") zum Wehrwirtschaftsführer. Als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt (von denen er nur fünf absitzen muss), baut er nach der Entlassung das größte deutsche Industrieimperium auf und stirbt 1972 hoch geehrt. Friedrich-Karl übernimmt den Konzern, verteilt großzügig Geld an Politiker, nicht ohne Gegenleistung, versteht sich, und verkauft nach dem Parteispendenskandal 1985 die Flick-Gruppe an die Deutsche Bank.

All das wird in 100 Minuten auf der Bühne veranschaulicht. Fünf Schauspieler zitieren, argumentieren, ironisieren die Fakten, die sich in den Schlagern der jeweiligen Zeit spiegeln ("Hoppla, jetzt komm ich!"). Es ist spannend von Anfang bis Ende, und das Leben zeigt wieder einmal, dass es sowieso das beste Theater ist.

Autor:  Renate Klett
Datum:  11 | 1 | 2010
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