Einerseits taugt kein Theaterstück besser zur popkulturellen Aneignung als Shakespeares "Romeo und Julia". Vom Asterix-Heftchen "Der große Graben" über Baz Luhrmans opulentes Kinomärchen bis zur rhythm& blues-geschwängerten H&M-Werbung hat das berühmteste aller Liebespaare schon allerhand weggesteckt. Gleichzeitig aber erweist sich die blutige Schmonzette auf der Bühne immer wieder als überraschend zähes Stück Kanon, in dem sich Gewalt- und Liebesstrang gegenseitig die Luft abschnüren. Zuletzt mühten sich Tina Lanik in München und Andreas Kriegenburg in Hamburg, die unheimliche Nähe von Lebenslust und Todessehnsucht am alten Stoff vorzuführen, während vor drei Jahren am Berliner HAU der gut gemeinte Versuch scheiterte, die Tragödie zwischen faschistoiden deutschen Capulets und liberalen türkischen Montagues anzusiedeln.
Jetzt zeigt Nuran David Calis, der 1976 mit Migrationshintergrund in Bielefeld geboren wurde und über interessant unbürgerliche Erfahrungen als Türsteher und Boxer verfügt, dass es auch kürzer, knackiger, vielleicht sogar plausibler geht. Er hat das Schauerstück in die Mangel genommen und erstmal die Eltern, Hauptbremsen im Spannungsverlauf, und alle sonstigen Erwachsenen gestrichen.
Sehen Sie sich das Hip Hop-Video von "Mercutio" auf der Internetseite des Gorki Theaters an.
Aus den verfeindeten Familien macht er zwei Berliner "Aggro"-Gangs, eine schnöselige mit Geld und Einfluss, und eine, die arm, aber sexy die Straße beherrscht. Sich nicht mit den anderen einzulassen, ist eine Frage der Ehre - wer es, wie Julias Freundin Mia (Picco von Grothe) und Romeos Buddy Mercutio (Mike Adler) dennoch tut, wird unglücklich.
Außerdem hat Calis Shakespeares Verse mit street-weise deftig gerappten Reimen überschrieben. Sie gipfeln in einem von Nachtclubbesitzer und Graf Koks Lorenzo (Gunnar Teuber) initiierten HipHop-Battle, in dessen Verlauf die Komödie in die Tragödie kippt. So treten Hochkultur und Streetart in Konkurrenz, prallt Klassikerzeile auf saftigen Sprücheklopf. Nach "Frühlings Erwachen" und "Kabale und Liebe" am Schauspiel Hannover ist "Romeo und Julia" Calis' dritter, trotz derber "Verbalficks" absolut Schulstoff- und Jugend-kompatibler Klassiker. Als einer der wenigen (und sich selbst ausdrücklich so bezeichnenden) Unterschichtler im Staats- und Stadttheater hat er durchaus von seiner HipHop-"Wir da unten"-Expertise profitiert. Aber lässt sie sich wirklich mit Klassik plus auf die Bühne holen?
Das Gorki-Ensemble wird auf der stilisierten Nachtclubbühne (Irina Schicketanz) jedenfalls nicht nur von energiestrotzenden Schauspielstudenten unterstützt, sondern integriert auch sechs Schülerinnen und Schüler der Neuköllner Ruetli-Schule. In der unauffälligen Weise, mit denen Calis die Jugendlichen die Gangs auffüllen lässt, dienen sie weniger als Authentizitätsausweis denn als sozialpädagogische Wohlfühlmaßnahme des Theaters. Das stört. Die Inszenierung ist nämlich am stärksten, wo sie sich als überzeichnetes Gangster-Märchen ausweist und nicht als Reportage aus den nicht vorhandenen Slums von Berlin.Oder wenn Max Simonischeks bärtiger Romeo und Anika Baumanns burschikose Julia im Mittelpunkt stehen.
Denn den jungen Gorki-Spielern sieht man durchaus an, dass sie nicht in den Streets of Wedding aufgewachsen sind - und das nutzen sie szenisch. Sie zitieren Shakespeare peinlich berührt und doch voller Hingabe, genau so wie Romeo ziemlich klemmig rappt und tanzt. Der Heiratsantrag, den er Julia mit seiner Wollmütze als Rose macht, muss sogar wie ein Witz aussehen, um tief ernst gemeint sein zu können: Shakespeare und HipHop sind gleichermaßen Fremdsprachen, die es dem Paar überhaupt erst ermöglichen, seine Gefühle auszudrücken.
Am Ende braucht Romeo nicht mal mehr das. Da versucht er verzweifelt, die drogentote Julia wieder auf die Beine zu stellen. Und Calis' Story erwischt einen, Credibility hin oder her, volle Kanne. Was kann einem mit "Romeo und Julia" Besseres passieren?
Maxim Gorki Theater, Berlin:
17., 19. Mai. www.gorki.de