Es stimmt. Die „Iphigenie“ ist ein „verteufelt humanes Stück“. Auch auf die Gefahr hin, die Goethe-Kenner zu langweilen, soll auch dieser Text über das Stück mit dem spöttischen Selbstkommentar seines Autors beginnen. Denn zwar passiert an diesem Abend im Gorki Theater Ungewöhnliches mit dem musterklassischen Goethe-Drama, doch bleibt eines dabei unverrückt: das verteufelt Humane. Das ist bemerkenswert, weil man das zweideutige „verteufelt“ hier sogar noch streichen könnte, damit das „human“ so aufleuchtet, wie Franziska Walsers Iphigenie es am Ende allen reinen Seelen im Saal anempfiehlt: im ungetrübten Glanz reiner Wahrheit. Und die verbirgt sich nicht etwa irgendwo, „es hört sie jeder“.
Das beantwortet auch halb schon die Frage, warum sich das berühmte Schauspielerehepaar Edgar Selge und Franziska Walser das ungebrochen aufklärungsselige „Seelendrama“ über die griechische Königstochter in der taurischen Gefangenschaft vorgenommen hat. Sie betrachten es von seinem antiken Ursprung her und finden das politische Emanzipationsstück darin. Die Menschen und Wahrheit liebende Iphigenie befreit durch eigene Entschlusskraft nicht nur die Taurer von ihren archaischen Menschenopfern, sondern am Beispiel ihres Bruders Orest, dem Muttermörder, auch die eigene Familie vom Fluch des Gewaltkreislaufs. Eine Erfolgsgeschichte, die in ihrem Optimismus natürlich sympathisch ist, doch eben auch einseitig. Trotzdem scheint es, als wollten Selge/Walser diesen ganz undialektischen Geist der Aufklärung in unsere von Widersprüchen und Zweifeln durchpflügte Spätmoderne zurück bringen. Und so gerät jeder Monolog in ihren Mündern zu einer Art Ansprache ans Volk.
Womit wir beim Ungewöhnlichen dieses Abends sind: seiner gebrochenen Form. Die „Iphigenie“ nämlich wird hier nicht einfach dramatisiert, die beiden Protagonisten versuchen, dem Text episch nachzugehen. Nur langsam gleiten sie in die Rollen: Selge switcht durch alle vier Männerfiguren, Walser hält an der Iphigenie fest. Beide bleiben zusätzlich ganz sie selbst, was im Sinne der Durchlässigkeit von Perspektiven und Zeiten gut gedacht ist, sich im Spiel aber als schwierig erweist. Denn beide changieren zu wenig, ebnen alles zu sehr ein – Selge in seinen grandios verbiesterten Zynismus, Walser in vordergründiger Direktheit. Das schließt Goethes jambische Satzgirlanden weniger auf, hält sie eher auf Distanz.
Zusammen mit drei jungen Bühnen- und Regienachwuchskünstlern haben die beiden dieses mutige, kleine Experiment im Mai für die Ruhrfestspiele ausgeklügelt. Kleine Einfälle am Ende sorgen für die dichtesten Momente. Der schlichte Tisch auf der Bühne etwa, über dem eine Kamera hängt, die die Tischfläche an die Bühnenrückwand projiziert und eine zweite, verzerrte Spielfläche öffnet. Mit kleinen Menschenpuppen erzählen Selge/Walser so das Tantaliden-Durcheinander als witzige Lecture-Performance am Beamer. Und wenn sich Selges wahnsinniger Orest zwischendurch einfach als Opfertier auf diesen Tisch legt und an der Wand erscheint, wie ein Geist im Höllensturz, verdunkelt sich plötzlich das ganze Theater zum klaustrophobischen Wahnraum. Mehr davon, wäre noch besser.
Wieder am 18. 12., 18 Uhr, T.: 20221115