Die Nymphe Galatea wird von jenem menschenfressenden Zyklopen belästigt, dem Odysseus später den Garaus machen wird. Polyphem ist kein Phantom der Oper, aber schon Ovid in seinen "Metamorphosen" lässt ihn nicht nur Ungetüm sein, sondern über Seiten werben, jiepern und jammern. Vielleicht weist er einmal zu oft darauf hin, dass er Galatea auch materiell eine Menge zu bieten hätte.
Galatea liebt aber einen Spund namens Acis. Als Polyphem ihn erschlägt, wird Acis zum Flüsschen, welches in das Meer fließt, in dem sich Galatea tummelt. Meine kleine Schwester würde sagen, dass Acis und Galatea sich darauf ein Ei backen können.
Bolongaro-Garten, Frankfurt-Höchst: bis 16. August.
Der 23 Jahre alte Italienreisende Georg Friedrich Händel, der "Aci, Galatea und Polifemo" 1708 für eine Hochzeit in Neapel komponierte, legte den Akzent indes darauf, dass sich Treue irgendwie doch mehr lohnt als Lust.
Der tränenreiche musikalische Spaß ist eine Rarität, keine Oper, ein Maskenspielchen, die reinste Kurzweil. Er gehört auch nicht ins Opernhaus, sondern hierher: vor den Bolongaro-Palast am Main in Frankfurt-Höchst, wo das Festival "Barock am Main" damit erstmals ein Musikprogramm probiert. Es gelingt wunderbar.
Die Batzdorfer Hofkapelle aus der Nähe von Dresden musiziert bei dieser Koproduktion (die anschließend noch nach Batzdorf geht, wo es Schlossfestspiele gibt). Michael Quast erzählt die Handlung, Britta Schwarz ist die Tragödin Galatea, Marie Friederike Schöder ihr Spätzchen Aci, Raimund Nolte der Wüstling Polifemo.
Alle vier sind in großer Schale (Barbara Blaschke und Katja Gieß) und Form, das Überkandidelte liegt aber in der inneren Gefühlswallung, nicht in der Aktion. Die Musik für diese Wallung, hergestellt bereits zweifelsfrei von einem Genie, dem eine Originalität nach der anderen entspringt, ist gefährlich transparent und virtuos. Es trifft sich gut, dass das Ensemble ohne Dirigenten wie das feinste Uhrwerk funktioniert.
Ohne Michael Quast ginge das natürlich trotzdem nicht. Er plaudert aus der Lamäng auch über Polifemos Mutterproblematik und über Fußballer, verdeutlicht, dass es kein Idyll ohne Mücke gibt und betätigt sich als Bühnenarbeiter: lässt ein Vöglein von der Balustrade flattern, während Friederike Schöder allerliebst zweifelt und zwitschert, und hilft Polifemo beim tödlichen Wurf. Der Staa des Verderbens lehnt schon früh an der Wand. Würde die Handlung in Hannover spielen, wäre es ein Stein.