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Hamburgische Staatsoper: Böse Lüfte aus dem Süden

Benjamin Brittens Zweiakter "Death in Venice" in der Hamburger Oper: Die größte dramaturgische Schwäche des Stücks: Es sind allzu viele Figuren auf der Bühne, die nichts oder nur wenig zu singen haben.

Benjamin Brittens Death in Venice an der Hamburgischen Staatsoper.
Benjamin Brittens "Death in Venice" an der Hamburgischen Staatsoper.
Foto: dpa

Der Tod in Venedig ist sein Schicksal, der Tod in Bewegung sein in den Namen eingeschriebenes Karma: Aschenbach. Ein Bach, der Asche führt - verflossener kann das Feuer eines Lebens nicht zum Meer zurück getragen werden. Gustav von Aschenbach, von Thomas Mann ersonnene Novellenfigur, macht als geehrter Historiendichter jenseits der 50 gerade eine schwere Schaffenskrise durch, die ihn vom heimatlichen München über Umwege nach Venedig führt und sich dort zur Existenzkrise mythischen Ausmaßes auswächst.

Aschenbachs ohne Worte und ohne jede justiziable Handlung bleibende Begegnung mit dem göttlich schönen polnischen Jungen Tadzio berührt das doppelte Tabu der Homosexualität und der Knabenliebe. Sie ruiniert die Selbstachtung des Schriftstellers - und sie entfacht in ihm ein womöglich erstes, jedenfalls letztes fiebriges Feuer, das ihn vollends verzehrt. Benjamin Britten fand in Manns großbürgerlich diskreter Schwulennovelle das Material für sein letztes Bühnenwerk; Myfanwy Piper destillierte ihm aus der Innenschau-Prosa ein erstaunlich texttreues Libretto.

Die zweiaktige Oper "Death in Venice" widmete Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears, dem er auch die Partie des Aschenbach auf den Leib schrieb. Das Stück wird selten gespielt; am Sonntag fand an der Hamburgischen Staatsoper, deren Chefin Simone Young einen Narren an Britten gefressen hat, die Hamburger Erstaufführung statt.

Im Vergleich zur äußeren Ereignisarmut von "Death in Venice" nimmt sich Wagners "Parsifal" fast als Action-Drama aus. In langen Rezitativen, teilweise nur vom Klavier begleitet, gründelt Brittens Aschenbach über vom Tadzio-Blitz angerührte große Schöpfungsfragen.

Britten-Oper "Death in Venice" in Hamburg

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Gegen die Anfechtungen von Aschenbachs Moralität in Gestalt des alle Sinne betörenden Knaben fährt Britten antagonistisches Personal aus der griechischen Mythologie auf - Dionysos und Apoll. Der dunkelhäutige Bariton Nmon Ford verkörpert mit bisweilen mephistophelischer Lust all die rauschhaft-verworfenen dionysischen Figuren auf Aschenbachs Reise in den Tod, aus dem Schnürboden hängt im Goldglitzergewand der stimmlich etwas enttäuschende Countertenor David DQ Lee als Apoll und mahnt zur klaren, reinen Form.

Zwischen höherem Selbst und niederen Instinkten singt Michael Schade den Aschenbach mit lyrisch feinem, manchmal berückend geheimnisvollem Tenor. Seine massige, schwerfällige Gestalt lässt dagegen an einen Ottfried Fischer in der zweiten Fastenwoche denken. Mit zeitlupenhafter, geradezu statuarischer Langsamkeit führt der Regisseur Ramin Gray den tragisch gebrochenen Helden, während der 16-jährige Balletteleve Gabriele Frola, der den sprachlosen, oft von Vibraphonklängen begleiteten Tadzio verkörpert, selbstredend höchst agil das Sinnbild unbeschwert bewegungsfroher Jugend gibt.

Die Inszenierung verzichtet auf jede bildliche Vergegenwärtigung Venedigs; ein luftiger, aus dunklen, transparenten Stoffbahnen gebauter rotierender Käfig stellt mal das Gassenlabyrinth der faulig riechenden Stadt, mal den Innenraum von San Marco vor. Ein längliches Hubpodest in der Bühnenmitte ist mal Gondelinneres, mal Fahrstuhl, mal Strandabschnitt, mal Gauklerbühne. Unentwegt werden Stühle herumgetragen. Im Hintergrund trennt eine durchsichtige Leinwand den Strand vom vermeintlichen Wasser, in dem dann pantomimisch geplantscht wird. Die Cholera bringenden bösen Lüfte aus dem Süden sowie die sachte Meeresbrise liefern zwei gewaltige, gleichwohl lautlos rotierende und herumrollbare Windmaschinen, offenbar des Bühnenbildners Jeremy Herbert ganzer Stolz.

Buntes Badevolk von 8 bis 58 bevölkert die Strandszenen - und offenbart die größte dramaturgische Schwäche des Stücks: für eine Oper sind allzu viele Figuren auf der Bühne, die nichts oder nur im Chor etwas zu singen haben. Die einzige solistisch eingesetzte Frauenstimme - Vida Mikneviciute als Erdbeerverkäuferin - wurde im nicht allzu enthusiastischen Schlussapplaus denn auch geradezu frenetisch bejubelt. Simone Young führte ihr kammermusikalisch und mit vielfarbiger Percussion besetztes, klangintensiv musizierendes Orchester souverän durch die Fieberträume der sängerdienlichen, reichlich spröden Partitur.

Wer nicht schon in der Pause gegangen war, erlebte einen etwas gelungeneren zweiten Akt. Dass die Nöte der Männerliebe im Jahr 26 nach Aids ganz andere sind als einst im scheußlich verklemmten England, mag man als Fortschritt deuten - oder als Sieg des Dionysi-schen. Der Mann-Britten'sche Daseinskonflikt jedenfalls geht uns in solcher Bühnenzurichtung heute seltsam wenig an. Venedig hören und sterben - gerne. Aber vor Langeweile?

Hamburgische Staatsoper: 22., 26., 29. April, 2., 5., 10. Mai. www.hamburgische-staatsoper.de

Autor:  TOM R. SCHULZ
Datum:  20 | 4 | 2009
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