In Stephan Seidels jetzt in Wiesbaden uraufgeführtem Stück "Das Gähnen der Leere" erkennt man auf Schritt und Tritt etwas wieder. So soll es auch sein. Zum Beispiel werden die Filme "Und täglich grüßt das Murmeltier" und "Die Truman Show" kombiniert, aber so, dass etwas eigenes dabei herauskommt.
Ein gewisser Hans arbeitet bei der Wettervorhersage beim Fernsehen. In seiner 2000. Sendung erleidet er einen Nervenkollaps, faselt, wird gefeuert und konzentriert sich fortan auf eine Fernsehserie namens "Liebe, Tod und Leidenschaft". Längst liebt er eine der Serienfiguren, die schöne Rosalinde. Durch einen geheimnisvollen Vorfall gerät er selbst just in die Folge 531, "Der Tag der Entscheidung": Rosalinde muss zwischen einem erotisierenden Waldmenschen und einem Fatzke wählen. Hans, auf einmal mittenmang, versucht nun Rosalinde für sich zu gewinnen. Aber nur bis zum Ende von Folge 531 hat er Zeit. Dann beginnt "Der Tag der Entscheidung" von Neuem.
Um Rasanz geht es mitnichten
Das wird hier vielleicht ein wenig behäbig erzählt, aber auch auf der Bühne entwickelt es sich ja so: Gar nicht flugs und straff, eher umständlich und etwas zerfahren. Das ist ein riesiger Vorteil. "Das Gähnen der Leere", wie der Titel schon ahnen lässt, dreht sich keineswegs um Rasanz, sondern um das allmähliche Eingesogen-Werden in eine idiotische, aber als existenziell erlebte Situation.
Hans ist in Wiesbaden Jürg Wisbach, der genau die Spur abgelebt wirkt, die ihn von den adretten Seriendarstellern unterscheidet. Hier tummeln sich mit großer Spielfreude der graumelierte Clanchef (Wolfgang Böhm), seine gepflegte Gattin (Evelyn M. Faber), die puppige Tochter (das ist Rosalinde: Friederike Ott), der Verlobte in spe (Michael Muskalla), der Waldmensch (Michael von Burg). Die Wartburg-Bühne selbst ist der Fernseher, das wandelbare Schlafzimmer-, Reisebüro-, Waldmenschheimat-Bild hat Jana Lünsmann-Messerschmidt eingerichtet.
Nur wer bisweilen selbst dem Sog solcher Serien nicht widersteht, kann ermessen, wie punktgenau Seidel charakteristische Elemente ins Groteske wendet: Nicht nur die artifizielle Leidenschaft und die stete Wiederholung der bedeutungsschwer vereisenden Gesten, sondern auch die endlosen Namensnennungen, die ein realistisches Beziehungsgefüge nachäffen. Jeder kennt Leute, aber nur Seriendarsteller müssen immer auch die vergesslichen Zuschauer auf dem Laufenden halten. Diese Seite des vergnüglichen Abends ist stärker als der Versuch, am Ende noch auf einen tieferen Sinn zu setzen.
Seidel, 1983 geboren, ist Regiestudent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Seine Inszenierung seines eigenen Stücks ist darum eine Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie, die wieder ihren erheblichen Nutzen beweist.
Staatstheater Wiesbaden: 19. Januar. www.staatstheater-wiesbaden.de