Eine junge Frau sitzt sinnierend auf einem Stuhl. Ihr Kopf ist gebeugt, um sie herum die Bühne leer. Schwere Gedanken scheint diese Frau in ihrem gebeugten Kopf zu wälzen – hochinteressante, spannungsreiche Gedanken sicher, die alle angehen: über die Größe und Kleinheit des Lebens; über Schmerz und seine Grenzverschiebungen; über Maßstäbe des Gelingens; darüber, dass Wirkungen eines Lebens größer sind, als ein Einzelner überblickt; über Körper und Geist, Selbstbestimmung und Hingabe, Vernunft und Gefühl − und dass es zwischen all diesen gewichtigere Zustände gibt, als bloße Harmonie. Alles komplexe Fragen und brennend aktuell in Gestalt dieser Frau, denn sie befindet sich in einer U-Haft-Zelle.
Wilma Aust, die Krankenschwester, hat mit einer Überdosis Morphium einen Menschen vom Leben in den Tod befördert, nicht aus Bosheit oder Gier, sondern auf inständiges Verlangen des Getöteten. Nach einem Unfall war dieser Mann am ganzen Körper gelähmt, nur die Augen bewegten sich noch, mit denen er über ein sogenanntes Augenalphabet seinen Todeswunsch mitteilte. Leider teilte er ihn nur Wilma Aust mit, was ihre einsame Ausführung für die Umwelt erklärungsbedürftig und ihre Lage prekär macht, denn aktive Sterbehilfe ist aus guten Gründen in Deutschland strafbar.
Leere Sinnierpose
Nicht strafbar müsste sie sein, wenn man ganz genau in die Details und individuellen Fälle hinein sieht, in denen Sterbehilfe nichts anderes ist, als Sterbenlassen – etwas, das in Zeiten der Gerätemedizin neu zu lernen wäre.
Ähnliches schwebte der Filmemacherin und Dramatikerdebütantin Sylke Enders wohl vor, als sie diese Wilma Aust für ihr Stück „Kokon“ erfand, welches sie im Heimathafen Neukölln nun selbst uraufführte. Leider kommt von all den brennenden Fragen keine einzige vor darin. Kaum etwas von dem konkreten Fall des Sterbewilligen – er bleibt nur Name. Nichts von halbwegs gedankenreichen, untrivialen Auffassungen davon, was „gelingendes Leben“ sein könnte. Nichts von dem schwierigen Für und Wider des Eingreifens in sein Ende. Dass die Autorin mit „Kokon“ nichts einfach ausbreiten, sondern verwickeln und damit direktem Zugang entziehen wollte, ist löblich. Doch bloße Gesprächsverweigerung und leere Sinnierpose, wie Wilma Aust sie exerziert, reicht für kein Stück.
Die Schauspielerin Katrin Hansmeier sitzt also mit arrogantem Sphinxgesicht da und schweigt. Dann macht sie einen Kopfstand, zieht mit Kreide einen Kreis um sich und weil diese demonstrative Abschottung gegen die dummen Fragen der Welt, die bald in Person des Anwalts (Axel Schrick) und des Freundes (Igor Maier) auftreten, nicht genügt, klettert sie irgendwann auf einen Stuhl, um aus eigener Höhe auf diese feindliche Welt herab zu blicken. Repliken gibt sie keine. Und das ist der Punkt: Nicht nur, dass die Inszenierung im Ganzen nicht weiß, ob sie Beckett-Verschnitt oder melodramatische Boulevardkomödie sein will (bald fliegen auch in Anwalts Ehe die Fetzen), macht diesen Abend so quälend schlecht, sondern dass er von seinem eigenen Thema nichts weiß.
Heimathafen Neukölln, 20.− 23. Okt, 20.30 Uhr, Tel.: 61 10 13 13