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Theater

15. Februar 2016

Hessisches Staatsballett: Die stammelnden Füße

 Von 
Kaspar Hauser, rüde rumgezerrt: Tyler Schnese, Taulant Shehu als Franz Richter.  Foto: ©Bettina Stöß

Tim Plegges „Kaspar Hauser“ für das Hessische Staatsballett: Ein Tanzstück mit einleuchtender Bewegungssprache und klaren Linien.

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Dem jungen Mann ist das Gehen gänzlich fremd. Es hängt an ihm wie drei Nummern zu groß, es schlackert um ihn. Die Einzelheiten des aufrechten Fortbewegens entgleiten ihm, kaum hat er es versucht; und wieder ist ihm alles ein Rätsel, ein Zaudern und Bangen. Da streckt er das Bein wie ein Storch, wagt kaum, den Fuß aufzusetzen, setzt dann doch. Da sind seine Glieder wie aus Gummi, geben nach, wie knochenlos, ohne Kraft. Er sinkt und schwankt, taumelt und tastet. Er setzt die Außenkanten seiner Füße auf, nur die Außenkanten. Er ist verwirrt, dass das nicht gut geht mit dem Gehen. Er blickt hinunter auf seine stotternden, stammelnden Füße. Und wieder streckt er ein Bein wie einen Fühler in den Raum ...

Termine

Staatstheater Wiesbaden: 13., 16. (zum letzten Mal in Wiesbaden) April 2016, jeweils um 19.30 Uhr.

Staatstheater Darmstadt: wieder am 26. April.

Das ist Kaspar Hauser, der am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgetauchte, nahezu sprachlose „Findling“. Tyler Schnese tanzt ihn im neuen Handlungsballett Tim Plegges. Nach „Aschenputtel“ ist es hier erst die zweite größere Arbeit des Ballettdirektors des von den Staatstheatern Darmstadt und Wiesbaden 2014 gemeinsam ins Leben gerufenen Hessischen Staatsballetts. Es ist aber, ähnlich wie „Aschenputtel“, eine so ausgereifte wie in fast allen Details überzeugende Choreographie. Und mit Bühnenbild, Kostümen, Musik ein sich gut ergänzendes Gesamtpaket. „Kaspar Hauser“ hatte jetzt im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt Uraufführung, ab 4. März wird das mit Pause gut zweistündige Tanzstück in Wiesbaden zu sehen sein.

Der Bühnenbildner Sebastian Hannak lässt auf der Drehbühne eine schlichte hohe Holzwand sich abwechseln mit einem ins Riesenhafte vergrößerten Ausschnitt aus Rembrandts „Die Anatomie des Dr. Tulp“. Tim Plegge greift das Motiv der sich um einen Toten drängenden Wissenschaftler auf, gruppiert immer wieder vier Zylinderträger um einen Seziertisch, die einen von Kaspar Hausers „Echos“ begrapschen. Drei „Echos“, Neben-Kaspars werden von Plegge so zurückhaltend wie einleuchtend eingesetzt als Bewegungs-Schatten, Erinnerungs-Stellvertreter, Prügelknaben im Wortsinn.

Auch für einen Rotbart schick

Am wichtigsten für das Gelingen dieses Abends ist, dass Tim Plegge Figuren anhand leichter Variationen der Bewegungssprache zu charakterisieren und typisieren vermag (dieses Talent haben nicht so viele Choreographen, wie man meinen könnte).

So hilft im Falle des dämonischen Franz Richter (Taulant Shehu) zwar das schwarze, auch für einen Rotbart schicke Kostüm Judith Adams, aber dieser Entführer und spätere Mörder tanzt eben auch viel Spitziges, Eckiges, Wieselflinkes. Lord Stanhope dagegen (David Cahier), der Gönner wie Verführer, hat eine eher schlangengleiche Eleganz. Und die feine Reiter-Gesellschaft, in die er Kaspar Hauser einzuführen versucht, entlarvt sich schon durch leicht ordinäres gegenseitiges Besteigen. Ihr Walzer hat zudem einen aggressiven, ruppigen Unterton.

Nicht zuletzt entwickelt sich Kaspar Hauser in mehreren Soli. Er plagt sich, wie am Anfang beschrieben, mit unwilligen Gliedmaßen. Er bekommt Schuhe und platscht mit ihnen, ratlos über diese steifen Teile, auf den Boden. Er lernt den geschmeidigen Auftritt, aber dann macht er doch etwas falsch und wird ausgelacht. Nur eine, Lina (Seraphine Detscher), will ihm zur Seite stehen. Aber selbst ein so kleines Glück ist Kaspar Hauser nicht vergönnt.

Tim Plegges Choreographie zieht gerade, klare Linien (Dramaturgie, Libretto: Esther Dreesen-Schaback). Über weite Strecken schickt er nur ein, zwei, drei Personen auf die Bühne, er überfrachtet nicht und lässt Stille und Konzentration zu. Er bringt ein reizendes, blondgelocktes Kind auf die Bühne, aber er strapaziert auch die „Kaspar als Kind“-Auftritte nicht zu sehr. Die durchgängige Sparsamkeit macht es möglich, die vielen schönen Einzelheiten der Bewegungssprache zu bemerken.

Die Musik kommt vom Band (man kann nicht alles haben); es ist ein Mix, aber ein durchdachter. Filmmusik (aus „Citizen Kane“) steht, unter anderem, neben Arvo Pärt, Philip Glass, Franz Schubert. Dimitri Schostakowitsch (Suite Nr. 1 für Jazzorchester) neben Alfred Schnittke („Die Kommissarin“) und Henryk Górecki („Kleines Requiem für eine Polka“, zuletzt). Es ist durchweg stimmungsvolle, manchmal hochdramatische Musik.

Am Ende zeigt Plegge, wie alle, auch Lina, mitwirken an der Vernichtung Kaspar Hausers. Wie sie diesen Fremden und ein wenig Seltsamen nicht haben wollen in ihrer Mitte. Jeder drückt dem Sterbenden noch für einen Augenblick ein Kissen aufs Gesicht.

Kaspar hat mehr als nur das Gehen gelernt, aber es war ihnen trotzdem nicht genug.

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