kalaydo.de Anzeigen

Hessisches Theater Wiesbaden: Geplanscht und gedoppelt

Tilman Gersch bringt in Wiesbaden einen unterhaltsamen "Faust" auf die Bühne des Großen Hauses. Er sucht und findet frische Bilder für ein altbekanntes Geschehen.

Auch als moderne junge Frau ist Gretchen die Verliererin.
Auch als moderne junge Frau ist Gretchen die Verliererin.
Foto: M. Kaufhold

Es fängt an mit einer rührenden Szene. Der 80-jährige Zygmunt Apostol kommt vorsichtig vor den roten Vorhang, am Arm von Nils Kreutinger, beide im glittrigen Entertainer-Anzug, und spricht die Zueignung, wispert das „lispelnd Lied“ leise und selig lächelnd. Er ist nicht gut zu Fuß, aber mit seiner eher hellen, etwas schnarrenden, nie ungewitzten und immer eine Spur distanzierten Stimme – Generationen Wiesbadener Theatergänger erkennen sie im Schlaf – macht er auch diesen Text gleich zu seinem ganz eigenen. Man wird hinten und oben nicht alles verstanden haben, aber Applaus brandet auf.
Dann öffnet sich der Vorhang zu einer Art lebendem Bild: Im Himmel hat es goldene Flügel, Brustpanzer und Fächer, dazu trägt man Weiß und steht/sitzt edel da, und Benjamin Krämer-Jenster, fast so lang am Haus wie Apostol, 30 Jahre, ist der reinliche Herr. Vorne lungert Mephistopheles, Uwe Kraus, ein rot-schwarzer alter Cowboy und Lotterbube mit Quastenschwanz und schlechten Manieren. Er passt gut zu Rainer Kühns Faust, der im nächsten Bild im Quadrat am Ende des jetzt kargen, nach hinten stark verjüngten Raums auftaucht. Kühns Faust ist ein wilder Gesell, der Hagerkeit und Alter zur Schau stellt, was umso besser geht, als die Verwandlung im Gummiring-Zauberkessel nachher einen wahrlich jungen Faust hervorrütteln wird, Kreutinger nämlich. Hier muss keine Perücke her, kein Grauhaar-Puder: Jeder ist so alt, wie er ist.

Theater im Theater

Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ also ist die wie üblich einzige Große-Haus-Schauspielpremiere der Wiesbadener Saison 2011/12. Die letzte Inszenierung, Tobias Maternas „Urfaust“, kam 2006 lässig in der kleinen Wartburg daher. Jetzt das glatte Gegenteil – massenhaft Platz, massenhaft Erwartung –, von dem Regisseur Tilman Gersch sich nicht einschüchtern, aber doch beeindrucken lässt. Er sucht und findet frische, unterhaltsame Bilder für ein Geschehen, das praktisch jeder Ü-17-Jährige im deutschsprachigen Raum kennt und das sein eigenes Zitatenkästlein beinhaltet (die Zuschauer müssen darüber manchmal lachen, ein Goethe-Zitat nach dem anderen). Er veranstaltet tüchtig Theater im Theater, nicht geistlos, aber auch nicht ohne Zinnober.
Der Orchester- ist zum Wassergraben geworden (Verteilung von Plastikfolienschutz für die vorne Sitzenden). Darin und damit wird zum Teil reiner Unfug getrieben – vor allem Faust holt sich nasse Füße, Gretchen trägt schon Gummistiefel –, bei entsprechender Beleuchtung wirft das Wasser aber auch „Rheingold“-taugliche Muster an Wände, Logen und Decke.
Aus dem Bühnenboden fährt manchmal ein Regal hoch, in dessen Fächern neue Figuren kauern können. Das klobige Teil, zugleich eine Schranke und ein Raumteiler, wird mit Geschick eingesetzt, wie überhaupt etwas Gleitendes, Unkompliziertes den fast dreistündigen Abend prägt. Dicke Schwimmreifen helfen bei der Walpurgisnacht und beim Planschen zum ersten Genießen der frisch gekochten Jugendlichkeit.

Fabelhafte Nebenfiguren

Ansonsten ist das meiste Schauspielerwitz, Text, Kostüm (Ausstattung: Henrike Engel), Licht. Und der Klangteppich von Bernd Jestram oder auch die Musik von Friedrich Silcher, dessen Heine-„Loreley“-Vertonung von den in der Tat fassbäuchigen Saufbrüdern in der Auerbachs-Keller-Szene (hier eher ein Freiluftvergnügen) als gepflegtes a-cappella-Quartett dargeboten wird. Die Nebenfiguren sind ein durchgängiges Kabinettstück, vor allem, wenn Krämer-Jenster und Wolfgang Böhm ins Bild kommen. Fabelhaft auch Monika Kroll als Dirndl-Marthe im Kasperle-Haus.
Auch wenn man sich die Wasserplanschereien merken wird, prägen eigentlich zwei Doppelbesetzungen den Abend: Neben dem wüsten Kameraden Uwe Kraus tummelt sich ein zweiter Mephisto auf der Bühne, eine Mephistophela, Viola Pobitschka, schöne Punkerin und Lebedame, die Faust auch erotische Angebote unterbreiten kann. Das ist ebenfalls nichts Neues, aber mit Eleganz umgesetzt. Manchmal sind die Teufel kurz zu zweit, auch im doppelten Pas de deux mit den Fausts. Denn bloß weil er jetzt jung und stark ist, verschwindet der alte Doktor nicht, schaut vielmehr zu, redet die eine oder andere Zeile. Wir werden uns nicht los. Ohne das sehr hervorzuheben, macht Gersch hier einen Punkt.

Gretchen bleibt allein

Gretchen dagegen ist und bleibt allein, Verena Güntner, als selbstbewusste, etwas schnoddrige – manchmal etwas angestrengt schnoddrige – junge Frau. Gerade darum ist früh klar, dass es für sie nicht gut enden wird. Sie sucht einen Mann, der es ernst meint.
Großer Applaus, der größte aber doch wieder für den doppelten Mephisto. Da ist uns Menschen nicht zu helfen: Das Böse in sicherer Entfernung, es gefällt uns gar zu gut.

Staatstheater Wiesbaden:
2., 13., 21., 25. Oktober.
www.staatstheater-wiesbaden.de

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  26 | 9 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.