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Internationales Tanzfestival Seoul: Bloß kein Applaus

Das internationale Tanzfestival von Seoul zeigt Modernes auf der Basis von überlieferten Tanzstilen. Was nicht bedeutet, dass globale Trends in Seoul nicht angekommen wären.

Der bravouröse Königs-Tänzer Yong-bu Ha:  Szene aus der Show The King´s Dance.
Der bravouröse "Königs-Tänzer" Yong-bu Ha: Szene aus der Show "The King´s Dance".
Foto: Park Sang Yun

Wenn das koreanische Publikum applaudiert, dann ist es für echte Begeisterung zu müde." Das sagt einer, der es wissen muss: Yong-bu Ha wurde unlängst zum lebenden Kulturerbe erhoben, weil er die Jahrhunderte alte Kunst des Young-mu-Tanzes in vierter Generation pflegt. Er war einer der Stars in der opulenten koreanischen Traditionsschau "The King´s Dance". Das Märchen erzählt die Geschichte eines rachsüchtigen Königs, der so lange in Blut watete, bis ein tanzender Bauer ihn dazu bringt, ihm den Königsmantel zu überreichen und der Rache abzuschwören.

Herr Ha hat seinen Part in manchmal fast zirkushafter Bravour im gigantischen Kunstzentrum von Seoul im zweitgrößten Saal gezeigt. "The King´s Dance" ist als Programmteil des Seouler internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz aufgeführt worden. Das Nebeneinander von so traditionsseligen Unterhaltungsshows wie "The King´s Dance" mit HipHop-Adaptionen, internationalen Gastspielen und schamanistischen Performances ist in Korea normal. Die Grenzen zwischen den Genres, den Traditionen und den Stilen sind längst nicht so fest gemauert wie im europäischen Kulturkontext.

Ohnedies steht Yong-bu Ha mit seiner Person für Grenzüberschreitung. Denn am Abend vor seinem großen Auftritt vor über 1000 Zuschauern beteiligte er sich am Gedenkabend für Pina Bausch. Mit ihr hat er während deren zahlreicher Aufenthalte in Korea zusammengearbeitet, und er zollte ihr Respekt nicht nur in Worten während einer Diskussionsveranstaltung, sondern vor allem mit einem meditativen Tanz auf der Bühne im Veranstaltungssaal des Seouler Goethe-Instituts. Die verlangsamten Schreitbewegungen, die lässig, dabei aber mit großer Präzision geführten Arme, der sorgsam schweifende Blick und die ganz wenigen, eruptiven Sprungbewegungen ließen die Zeit stillstehen und hatten mit der Bravura des lebenden Kulturmonuments, wie man sie am folgenden Abend bestaunen durfte, kaum was zu tun.

Der Hochschullehrer und Tanzkritiker Chae-hyun Kim, ein soignierter, einsilbig wirkender Mensch mit korrektem Scheitel, gab während eines Publikumsgesprächs seiner Befürchtung Ausdruck, es könnte dem koreanischen Tanz an Originalität mangeln, und der Wert internationaler Begegnungen wie dem Seouler Festival bestehe vor allem darin, Auswege aus dem "Originalitätsdefizit" zu weisen. Dem steht die Frage entgegen, was denn eigentlich originell und eigenständig ist. Wäre der zeitgenössischen Gleichmacherei nicht durch die Betonung von regionalen Identitäten viel besser beizukommen?

Tanz aus Korea "The King's Dance"

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Gerade die Unerschrockenheit und Selbstverständlichkeit, mit der in Korea auf der Basis von überlieferten Tanzstilen gearbeitet wird, scheint für "nachhaltige Originalität" einzustehen. Was nicht bedeutet, dass globale Trends in Seoul nicht angekommen wären. Aber sie bleiben geprägt von der regionalen Aneignung. Das lässt sich im HipHop ebenso beobachten wie im Multimedia-Spektakel. Und sogar eine Solo-Interpretation des berühmten "Bolero" von Maurice Ravel ergänzte die orgiastische Partitur durch Pinselstriche der schamanistischen Darstellungskultur, wie man ihr in Korea mit großem Stolz huldigt.

Der Schamanismus ist mehr als nur eine ekstatische Praxis, er ist auch ein soziales Merkmal. Die adelige Oberschicht war eher dem rationalen Gepräge konfuzianischer Lebensklugheit zugetan, währen die bäuerlichen Unterschichten den Schamanismus pflegten. Daraus ist eine sehr spezifische, vitale und eben auch in zeitgenössischen Arbeiten noch wirksame Bewegungskultur entstanden. Sie zeichnet sich durch Versunkenheit und gleichzeitige Extraversion aus.

Die Choreografin Sun-mee Kim zeigte das in ihrer "Bolero"-Version. Die ersten Takte steht sie mit dem Rücken zum Publikum, bewegt ihren Körper in Achteldrehungen um die eigene Achse, wie ein Uhrwerk oder eine mechanische Tanzpuppe. Doch mit dem dynamischen Verlauf der Musik erweitert sich auch ihr Bewegungsradius, und mit nur wenigen Gesten - etwa in Bogenform vom Körper abgespreizte Arme, ruckartige Blicke - markiert sie ihr Material, aus dem sie ausbricht in scheinbar unkontrollierte Sprünge, in Drehungen und rhythmische Muster, die von der Musik abgelöst scheinen.

Die Tanzkultur Koreas ist, wie in vielen außereuropäischen Ländern und Regionen, derzeit sehr stark damit befasst, einerseits ästhetische Trends kennenzulernen, und andererseits neue Wege zu beschreiten, wie man ein kreatives Auskommen finden kann zwischen der globalen "choreografischen Industrie" und den eigenen Wurzeln.

Keinerlei HipHop-Angabe

So auch in "The Toughest Part": Das Duo In-soo Lee und Jin-wook Ryu hatte das nervöse Vokabular von HipHop-Moves völlig reduziert und zu einem eindrucksvollen Kammerspiel verdichtet. Das etwa 20-minütige Stück zeigt die Höhen und Tiefen einer Freundschaft, die zwischen Attraktion, Neid, Gewalt und Vertrauen pendelt. Musik von Pop bis Klassik gibt eine Kulissenfunktion, vor der die Leichtigkeit des Tanzes sich in Klarheit entfaltet. Es wird nichts bewertet, die beim HipHop üblichen Imponier-Floskeln sind entfallen. Statt dessen leisten sich die beiden in weite dunkle Anzüge gekleideten Akteure lange Phasen der Versonnenheit, der suchenden Blicke, sie verschwinden in die Seitenbühne und prallen dann wieder heftig zusammen.

Auch hier war der Applaus nur kurz und eher symbolisch. Was ja in Korea offenbar dafür spricht, dass die Anerkennung auf indirektem Wege erfolgt ist. Das ist eine ebenso lokale Tradition wie der Umstand, dass nach der Vorstellung der Vorhang immer in völliger Dunkelheit fällt. Erst wenn das Portal geschlossen ist, geht das Saallicht an. Das Verhältnis zur (Tanz-)Bühne, so scheint es, ist in Korea tatsächlich ein anderes.

Autor:  Franz Anton Cramer
Datum:  23 | 10 | 2009
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