Theater

09. Januar 2013

Interview mit Andres Veiel: Die Widersprüchlichkeit von Bankern

 Von Stephan Kaufmann
Andres Veiel, Regisseur des Theaterstücks "Das Himbeerreich". Foto: dpa

Ein Stück zur Krise. Andres Veiel spricht im Interview über die jahrelange Finanzmarkt-Recherche für sein Theaterprojekt „Das Himbeerreich“ und warum Banker in den meisten Fällen so widersprüchliche Persönlichkeiten sein können.

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Ein Stück zur Krise. Andres Veiel spricht im Interview über die jahrelange Finanzmarkt-Recherche für sein Theaterprojekt „Das Himbeerreich“ und warum Banker in den meisten Fällen so widersprüchliche Persönlichkeiten sein können.

Über Jahre hat Andres Veiel sich mit Bankern getroffen, vom Ex-Vorstand über den Wertpapierhändler bis hinunter zum Fahrer. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit haben sie ihm von ihren Sorgen erzählt, von ihren Deals, von der Krise, von ihrer Macht und ihrer Liebe zur Bank. Aus ihren Sätzen hat Veiel ein Theaterstück gemacht, das er jetzt auf die Bühne bringt. Es ist das Stück zur Krise.

Herr Veiel, sind Top-Banker alles Verrückte?

Nein, wieso?

Glaubt man Ihrem Stück, so haben Banker eine gespaltene Persönlichkeit: Mit der einen Hälfte machen sie ihre riskanten, teilweise windigen Geschäfte und berauschen sich am Erfolg. Die andere Hälfte verurteilt diese Geschäfte und leidet.

Das stimmt in vielen Fällen. Hier liegt aber kein Fall von Schizophrenie im psychopathologischen Sinne vor. Sondern eine Gleichzeitigkeit von Haltungen, die nicht miteinander zu vereinbaren sind. Dieser Widerspruch führt dann allerdings auch zum Wunsch zu sprechen, sich zu öffnen. Das war meine Chance.

Wahrheitssucher

Der Autor und Regisseur Andres Veiel (54) wurde bekannt unter anderem durch seinen Dokumentarfilm „Black Box BRD“, 2001, in dem er die Biografien des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams einander gegenüberstellt.

Sein erster Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ (2010) behandelt die Vorgeschichte der RAF. Sein Theaterstück „Das Himbeerreich“ ist eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin und des Schauspiel Stuttgart.

Berliner Premiere: 16. Januar, weitere Termine: 17., 20. Jan., 12., 19., 23., 27. Feb., Karten-T.: 28 44 12 25.

Warum haben Sie dann keinen Dokumentarfilm daraus gemacht?

Das ist schon das dritte Projekt, das als Dokumentarfilm scheitert. Meine Gesprächspartner wollen nicht öffentlich sprechen. Denn das hätte für sie Konsequenzen, vom Verlust von Privilegien und Pension bis hin zu Schadenersatzansprüchen der Bank.

Wird der Banker erpresst?

Nein, er hat seinen Vertrag ja freiwillig unterschrieben. Insofern kauft sich das System seine Gefolgschaft und seine Verschwiegenheit. Aber es geht hier nicht nur um Geld. Auch bei längst pensionierten Managern gibt es immer noch eine starke Identifikation mit der Bank. Keiner will als Nestbeschmutzer dastehen, keiner will exkommuniziert werden. Daher musste ich ihnen zusichern, dass ich sie schütze, indem ich in dem Theaterstück ihre Spuren verwische.

Und wenn Sie alles öffentlich machen?

Dann verliere ich meine Glaubwürdigkeit und kann einpacken.

Man bekommt fast Mitleid mit den Managern auf der Bühne: Sie genehmigen Übernahmen, Wertpapiergeschäfte, Handelspraktiken – und wissen gleichzeitig, dass diese Beschlüsse in die Krise führen. Doch können sie sich nicht durchsetzen gegen das System Bank, das immer mehr Rendite fordert.

Einerseits will ich zeigen: Es reicht nicht, mit dem Finger auf die Banker zu zeigen und sie anzuklagen. Sie agieren innerhalb eines Systems, das bestimmte Verhaltensweisen erzwingt. Andererseits sind das schon Menschen, die sich zu einem Punkt ihres Lebens für einen bestimmten Weg entschieden haben und die sich auch anders hätten entscheiden können. Sie sind nicht reine Opfer eines anonymen Systems.

Aber das System existiert und es regiert. Wer sich ihm widersetzt, wird gefeuert oder neutralisiert. Welche Entscheidungsfreiheit hat selbst ein Spitzen-Banker dann noch – und welche Verantwortung?

Der Banker kann immer noch nach dem Luther-Satz leben: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich kann diesen Deal nicht genehmigen, ich kann diese Bilanz nicht unterschreiben. Ich stelle mich gegen das System, ich mache das auch öffentlich, selbst wenn ich gefeuert werde. Auf der Bühne wird das durch die Stellung der Figuren im Raum sichtbar: Die Schauspieler stehen verloren in den großen Räumen, sie sind Opfer. Zum anderen haben sie diese Räume gestaltet. Es ist ihr Reich. Sie tragen Verantwortung, auch wenn sie an einem inneren Widerspruch leiden.

Ihr schlechtes Gewissen beruhigen viele Menschen mit dem Satz „Ich habe die Regeln ja nicht gemacht“.

Hier kommt der Staat ins Spiel, der die Regeln setzt. Die Politik hat ja die Finanzmärkte liberalisiert, Risikogeschäfte erlaubt, sie hat auf Bankenfusionen gedrängt und dafür Milliarden bereitgestellt. Heute präsentiert sich die Politik als Opfer, dabei hat sie den Hund von der Leine gelassen und angetrieben.

Diese Regeln werden derzeit geändert, die Märkte re-reguliert, neue Sicherheitsauflagen erlassen und so weiter. Kommt Ihr Stück zu spät?

Die Regeln werden zwar neu geschrieben. Doch sind sie einerseits noch immer zu weich, lassen zu viele Freiheiten. Zudem sagen mir Investmentbanker: Wir werden immer Wege finden, diese Regeln zu umgehen. Letztlich helfen andere Regeln nicht weiter, wenn sich die Haltung der Banker nicht ändert.

Damit ist der Kreis geschlossen: Wie soll sich die Haltung der Akteure ändern, wenn diese Haltung vom System gesteuert wird?

Daher kommt es letztlich auf die System-Frage an. Zwar kann jeder entscheiden, wo er sein Geld anlegt, zu welcher Bank er sein Geld trägt und was für Geschäfte dort mit seinem Geld gemacht werden – also ob er Partner der Banken bei ihren Geschäften sein will. Andererseits bleibt am Ende für mich die übergeordnete Frage: Welche Art von Wirtschaft wollen wir? Bislang regiert hier ein beschleunigtes „Immer mehr“, nicht nur in der Finanzsphäre. Diese Sphäre ist kein Geschwür, das man bestrahlt und alles ist wieder gut.

Ist Wachstum kein Sachzwang?

Zwänge sind für mich ein Synonym für Interessen. Und die sind nicht zwangsläufig.

Der Autor Peter Weiss hat einmal gesagt: Das Ideal des Künstlers ist es, dass die Menschen auf dem Nachhauseweg sagen: So kann es nicht weitergehen.

Ich würde gern etwas von meiner Unruhe, meinen Fragen und meinem Zorn an das Publikum weitergeben.

Einer Ihrer Banker fragt auf der Bühne: Warum regen sich die Leute nicht auf? Was ist Ihre Antwort?

Zum einen gibt es eine Informationsschwemme, die Zusammenhänge gehen verloren. Zudem werden wichtige Dinge auch versteckt. Dass der Bankenrettungsfonds mal eben um zehn Milliarden Euro aufgestockt wurde, fand sich auf der dritten Seite des Wirtschaftsteils einer großen Zeitung wieder. Das muss man sich mal überlegen – zehn Milliarden zusätzlich. Doch es hat keine Konsequenzen.

Vielfach sind die Sachverhalte für Normalmenschen aber auch gar nicht mehr zu verstehen. Die Banker – auch in Ihrem Stück – nutzen Imponiervokabeln und Fach-Chinesisch. Da ist die Rede von „Incentives“, „Subprime“ oder „stochastischer Volatilität“.

Da steckt auch eine Strategie dahinter. Die Menschen werden frustriert. Sie fragen sich: Warum soll ich mich täglich mit Dingen beschäftigen, die ich nicht begreife? Dass sie nicht begreifen, wird durch das Vokabular gefördert. Hier dient Sprache als Machtinstrument, das die Elite nutzt.

Muss man diese Sprache verstehen, um eine fundierte Meinung zur Finanzkrise zu haben?

Das will ich mit meinem Stück den Zuschauern sagen: Habt keinen Respekt! Wenn man verstehen will, dann kann man es auch. Ich habe nicht Ökonomie studiert, ich habe nachgefragt und habe vieles verstanden.

Verstehen die Schauspieler auf der Bühne ihren Text?

Das müssen sie, ansonsten würden sie immer wieder über den Text stolpern. Das war viel Arbeit. Inzwischen sind die Schauspieler aber selbst im Stoff, sie lesen Bücher zum Thema, schlagen Ergänzungen vor. Ich bekomme mittlerweile mehr Material von den Schauspielern als von meinen Informanten.

Der Titel ihres Stücks bezieht sich auf ein Zitat von Gudrun Ensslin, für die Luxusgüter aus dem „Himbeerreich“ stammten. Nun verdienen Banker Hunderttausende oder Millionen Euro, sie könnten sich frühzeitig zur Ruhe setzen und den Luxus genießen. Doch machen sie immer weiter. Warum?

Sicher nicht wegen Genusssteigerung über Luxuskonsum. Die zweite Jacht bringt ja nichts mehr. Es geht um Macht – zum Beispiel um die Macht, mit einer Entscheidung Milliarden zu bewegen. Es geht um Status – es bedeutet ja etwas, wenn man morgens mit einer gepanzerten Limousine abgeholt wird, auch wenn man in der Bank gar nichts mehr zu sagen hat. Wer gefährdet ist, ist wichtig. Warum die immer weiter machen? Weil viele einfach nichts anderes haben. Das sagt einer der pensionierten Banker in meinem Stück: „Es ist ein dunkles schwarzes Loch, vor dem ich stehe.“

Das Gespräch führte Stephan Kaufmann.

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