kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Laurent Chétouane: Politik braucht ein moralisches Angebot

Der aus Frankreich stammende Regisseur Laurent Chétouane im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Verwaltung von Ländern und Theatern und die bevorstehende Bundestagswahl.

Ich kann nur noch mit einem Nein auf Politik reagieren, sagt Laurent Chétouane.
"Ich kann nur noch mit einem Nein auf Politik reagieren", sagt Laurent Chétouane.
Foto: dpa

Wen würden Sie in den Bundestag wählen, wenn Sie als Franzose denn könnten?

Ich weiß es nicht, weil es noch schwieriger als vor zehn Jahren ist, nur schon die CDU und die SPD zu unterscheiden. Man sieht immer stärker, dass die Politik gar nicht die Kraft hat, wirklich einzugreifen. Selbst Obama, den ich bewundere, droht mit seiner Gesundheitsreform zu scheitern. Man kriegt das Gefühl, dass zunehmend egal ist, wer das Land führt. Deshalb kann ich nicht mehr mit einem Ja, sondern nur noch mit einem Nein auf Politik reagieren: gegen Sarkozy, aber nicht für Segolène Royal, obwohl ich sie gewählt habe.

zur Person

Laurent Chétouane (35) war zuerst Ingenieur, bevor er an der Pariser Sorbonne Theaterwissenschaft und anschließend Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main studierte.

Als Regisseur hat er an vielen großen Bühnen inszeniert, an den Münchner Kammerspielen, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Köln und am Nationaltheatret Oslo. Seit drei Jahren realisiert er auch tänzerische Projekte - die "Tanzstücke", die etwa in den Berliner Sophiensaelen zu sehen sind. Zurzeit probt er das "Tanzstück # 4" und ist mit der nächsten Produktion befasst: Büchners "Dantons Tod". ( T.M.)

Theaterschaffende verstehen sich oft als politisch denkend. Wie ist das vor den Wahlen? Wird in der Kantine über Politik geredet?

Nein, in meiner Generation redet in der Kantine kaum jemand über Politik. Auch jetzt nicht. Im Moment beschäftige ich mich gerade wieder mit Georg Büchner, nach "Woyzeck" und "Lenz" nun mit "Dantons Tod", einem Stück, das von der Sprachlosigkeit der Politik handelt. Da könnte es interessant werden, aber Politiker reden immer weiter. Wie viele Dramaturgen im Theater, die nur in ihren Programmheften Politik machen und immer schon vorher auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. In der Kantine aber sind die Fragen andere: Wo mache ich meine nächste Produktion, mit wem werde ich arbeiten? Theater werden heute bloß noch verwaltet, wie Länder auch. Die Bilanz muss bei beiden stimmen. Politik ist das nicht.

Überrascht Sie das?

Ja, ich bin überrascht, wie wenig über Inhalte geredet wird im Theater. Man redet hauptsächlich über Spielpläne, aber das ist etwas anderes. Das geht etwa so: Man muss eine Anzahl Klassiker haben, dann sollte man schauen, dass man nicht zu bieder wirkt, ein bisschen modern müsste es schon auch sein. Und etwas Politisches wäre klasse, das in seinem Politischsein ohne Überraschungen abläuft. Der Trend geht dahin, im Theater den Alltag und die Gegenwart um jeden Preis wiedererkennen zu wollen. Das ist fatal. Wir dürfen nicht alles zu uns heranholen, nur um so genannte Aktualität vorzutäuschen. Darüber verlernen wir das Gespräch mit der Vergangenheit.

Stimmt. Allein: Sie reden wie Peter Stein. Das hätte ich von Ihnen, der ja genau die "moderne" Position in den Spielplänen besetzt, nicht erwartet!

Ich glaube, im Unterschied zu Stein spreche ich nicht über die einzig gültige Lesart eines klassischen Textes. Es gibt mehrere Arten, einen Text zu öffnen, ohne dass man ihn "ver-aktualisiert".

Wissen Sie Bescheid über die kulturpolitischen Positionen der einzelnen Parteien?

Nein, warum sollte ich? Es wird gespart im Theaterbereich, was das Zeug hält, völlig ungeachtet der Partei, die in den Kommunen jeweils am Ruder ist.

Sie haben gerade die Strichfassung von Büchners "Dantons Tod" beendet, im Januar zeigen Sie dieses härteste aller deuschen Politstücke in Köln. Müsste das Stück nicht eher "Vive Danton" heißen, weil es das Modell eines heutigen, handlungslahmen Politikers zeigt?

Danton ist vielleicht einer, der Kompromisse eingeht. Aber ein heutiger Politiker würde seinen Arsch retten und nicht sehend in Robespierres Messer laufen. Spannend finde ich: Danton handelt zu spät. Seine große Rede hält er erst, als er weiß, dass er schon tot ist. In einem dialektischen Sinne ist es aber so: Der Tod Dantons garantiert das Überleben des Modells. Wie bei Jesus Christus. Bei Büchner: Dantons Tod ist der Beginn vom Ende des Politischen.

Dann ist Danton also für Frank- Walter Steinmeier gestorben!

Das würde ich nicht wagen zu sagen. Das dürfen Theaterkritiker.

Was wirklich tot ist, ist der moralische Rigorismus Robespierres...

Ich habe Robespierre fast ganz gestrichen, diese Figur ist mir zu konstruiert. Aber Politik braucht dennoch ein moralisches Angebot, das zurzeit nur Obama liefert. Obama wagt, etwas Sinnstiftendes anzubieten. Ich weiß nicht, ob er an Gott glaubt. Aber er sagt: Wir brauchen einen. Es geht um die Entscheidung! Dieses Modell gefällt mir. Doch das Spiel ist gefährlich. Wenn vier Jahre lang nichts passiert, dann war Obama der Letzte, an den die Leute bereit waren zu glauben. Politik ist eine Idee, um die herum Leute bereit sind sich zu versammeln - und das steht auf der Kippe im Moment.

Interview: Tobi Müller

Datum:  22 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.