kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Peter Sellars: Wogegen man ist, ist doch allen klar

Regisseur Peter Sellars im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Protest, der überheblich macht, sein "Othello"-Projekt und die ersten Enttäuschungen nach Obamas Wahl.

Peter Sellars Othello premierte bei den Wiener Festwochen.
Peter Sellars "Othello" premierte bei den Wiener Festwochen.
Foto: ddp

"Othello" ist ein sehr politisches Stück. Der Titelheld ist schwarz. Sie besetzten ihn mit John Ortiz, also nicht mit einem Schwarzen. Interessiert Sie der politische Gehalt des Stücks nicht?

Was wir auf der Bühne zeigen, ist wesentlich politischer als viele andere Deutungen. Ich zeige keinen schwarzen Mann als Othello, sondern einen Menschen. Er ist plötzlich kein Objekt mehr, man begreift seine Worte und seine Aktionen ganz anders.

Zur Person

Peter Sellars, 1957 in Pittsburgh/ Pennsylvania geboren, arbeitet als Theater- und Opernregisseur.

Seine Produktion von William Shakespeares "Othello", mit John Ortiz in der Titelrolle und Philip Seymour Hoffman als Jago, hatte bei den Wiener Festwochen Premiere (FR v. 16.6.). Vom 25. bis 27. Juli ist die Inszenierung im Schauspielhaus Bochum zu sehen.

www.schauspielhausbochum.de

Sie zerstören damit die Hauptaussage des Stücks.

Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte: Ich hasste dieses Stück, seitdem ich es das erste Mal gelesen habe. Für mich handelte es von einem dummen schwarzen Mann, der von einem Engel und einem Teufel umgeben ist. Wie ein richtig schlechtes Puppenspiel. Dann überzeugte mich vor 10 Jahren Toni Morrison vom Gegenteil.

Was mag Morrison am Stück?

Die Sprache, die benutzt wird. Sie handelt davon, dass alles, was man weiß, Fiktion ist. Und die Fiktion ist real. Das ist das Prinzip, auf dem das heutige Amerika, ja die heutige Welt gegründet ist. Unsere Dramaturgin erklärt das Stück gerne als Zustandsbeschreibung der Clinton-Administration - zehn Jahre nach der Lewinski-Affäre. Noch immer wird alles umgedeutet und abgestritten. So funktioniert Politik: Diese Woche werden im Irak wieder 1000 Menschen für Massenvernichtungswaffen sterben, die nie da waren.

Mit der neuen US-amerikanischen Präsidentschaft hat sich die Aussage, was es bedeutet, schwarz zu sein, verändert.

Als Obama gewählt wurde, war mir klar, dass der Doge von Venedig im Stück schwarz sein muss. Er symbolisiert die neuen Machtverhältnisse, von denen niemand weiß, wie sie sich entwickeln. Wofür steht Obama genau? Da gibt es viele Fragezeichen.

Atmen Sie als Künstler nicht auf, dass sich die realen Machtverhältnisse verschoben haben?

Ich fühle mich in vielen Bereichen noch immer als Geisel der politischen Situation. Es werden noch immer Foltermethoden angewandt. Obama kündigte an, er werde auch für jene Präsident sein, die ihn nicht gewählt haben. Bis jetzt war er nicht einmal Präsident für alle, die ihn gewählt haben. Es ist schmerzhaft, ich warte auf größere Veränderungen. Bis jetzt habe ich noch nichts von ihnen bemerkt.

Die wirtschaftliche Krise engt den Handlungsspielraum ein.

Das Gegenteil ist der Fall. Der wirtschaftliche Kollaps barg die Chance, das System zu ändern. Aber das wird nicht gemacht.

Die Kunst blüht oft auf, wenn sie sich gegen Machtverhältnisse stellen kann. Verliert man mit Obama den Opponenten?

Ich mache nicht Kunst gegen etwas, sondern für etwas. Wogegen man ist, ist doch allen klar, aber wofür man ist, das ist viel schwieriger zu umschreiben. Diese Frage relativiert auch die eigene Rolle. Protestieren allein macht überheblich. Künstler haben die Aufgabe, Möglichkeiten aufzuzeigen, Handlungsspielräume zu entwerfen.

In den USA spielt Kunst gesellschaftlich eine untergeordnete Rolle, im Vergleich zum deutschsprachigen Raum. Wie macht sich ein Künstler bemerkbar?

Ich vertraue ganz auf meine Schauspieler. Philip Seymour Hoffman, der Jago, und John Ortiz sind in den Staaten sehr bekannt. Wir werden den "Othello" verfilmen und ihn dann an amerikanischen Schulen zeigen. Der Clou ist, dass ich mein Othello-Projekt nicht mit einem Film beginne. Sonst kommt so etwas raus wie der "Othello"-Film mit Laurence Fishburne und Kenneth Branagh oder all die anderen furchtbar schlechten Verfilmungen. Mein Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und beinhaltet auch das neue Stück von Toni Morrison, das "Desdemona" heißen wird. Ich werde es nächstes Jahr inszenieren.

Warum starten Sie am Theater?

Weil es eine wahrhaft demokratische Kunstform ist. Jeden Abend tauschen sich Schauspieler und Zuschauer neu aus. Das gibt es im Film nicht. Aber die Möglichkeiten des Theaters sind eingeschränkt. Es geht mir bei diesem Projekt darum, eine möglichst große Zahl an Menschen zu erreichen. Und deswegen muss ich in die Schulen. Hochzeiten zwischen zwei Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe müssen nicht mit einer Strangulation enden.

Ihr Projekt richtet sich an ein amerikanisches Publikum. Warum zeigen Sie es zuerst im deutschsprachigen Raum?

Shakespeares Theater hieß The Globe. Wir verhandeln hier wirklich globale Fragestellungen. Dazu kommt, dass Europa Fragen der Hautfarbe gegenüber sehr ignorant ist. Europa hat eine durch und durch "schwarze" Geschichte. Die europäische Zivilisation ist ohne den Hintergrund von Afrika gar nicht zu begreifen, ja, in Afrika zeigte sie oft erst ihr wahres Gesicht. Europäer folterten, vergewaltigten und mordeten in Afrika.

Dieser Teil der Geschichte wird in Europa nicht gern gehört.

Europas Wunden zu heilen und es dazu zu bringen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ist ein Teil meines Anliegens. Seien wir doch ehrlich: Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass jemand wie Obama in Europa an die Macht kommt. Es gibt in ganz Frankreich nicht einen einzigen schwarzen oder arabischen Bürgermeister. Wo bleibt die repräsentative Funktion europäischer Politik?

Interview: Stephan Hilpold

Datum:  24 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.