Herr Forsythe, Sie ändern Ihre Stücke fortwährend nach der Premiere. Normalerweise ist das der Tag, an dem Aufführungen fertig sind. Warum ist das bei Ihnen nicht so?
Sie haben Recht, und ich weiß nicht, warum es nicht wahrgenommen wird, dass ich die Stücke fortwährend verändere. Ein Stück wie "Artifact" habe ich 25 Jahre lang verändert. Für "Three Atmospheric Studies" habe ich drei Jahre gebraucht. Man vergleiche das Endresultat mit dem Anfang.
William Forsythe, der am heutigen Mittwoch seinen 60. Geburtstag feiert, wuchs in New York auf. John Cranko holte 1973 den jungen Tänzer nach Stuttgart, 1976 wurde Forsythe dort auch Hauschoreograf. Einige Jahre choreografierte er für diverse Compagnien, ehe er 1984 in Frankfurt Ballettchef wurde. Als 2004 das Frankfurter Ballett aufgelöst wurde, machte er mit einem unabhängigen Ensemble weiter, das vor allem von den Ländern Sachsen und Hessen finanziell unterstützt wird.
"Motion Bank", Forsythes jüngstes Projekt, eine "Bibliothek für digitale Tanzpartituren" wird von der Bundeskulturstiftung gefördert. (sy)
Hat das nichts miteinander zu tun?
Kaum. Ein wichtiger Grund für die fortwährende Veränderung ist: Ich bin meinen Tänzern sehr eng verbunden. Und im Laufe der Zeit versuche ich, die Aufführungen an die sich verändernden Fähigkeiten und das wachsende Talent der Darsteller anzupassen. Ich selbst verändere mich auch. Man arbeitet an einem Stück und will etwas erreichen, wofür man das Handwerk noch nicht besitzt. Dann arbeiten wir daran, bis wir es können.
Handwerk stellt für Sie heute immer noch ein Problem dar?
Handwerk ist etwas, das man sich immer neu aneignen muss. Man ist nie fertig.
Betrifft das vor allem den Bau des Stückes?
Es betrifft alle Aspekte. Man begegnet neuen Inhalten und dadurch wird die Arbeit anders. "Warum bist du so nervös, du machst das doch schon so lange", hat jemand mal zu mir gesagt. "Aber ich habe noch nie dieses Stück gemacht", habe ich geantwortet.
Sie sehen Ihre eigene Premiere und entscheiden, dass das morgen anders aussehen wird. Was geschieht da? Die Reaktion der Leute ist für Sie wahrscheinlich gar nicht so wichtig.
Überhaupt nicht, aber ihre Anwesenheit ist wichtig. Sie müssen verstehen, wie ich arbeite. Ich arbeite über lange Strecken. Ein Stück gastiert in vielleicht 20 Städten, überall ist das Publikum anders. Das Stück kommt nie zur Ruhe. Die Bühne ändert sich, die Beleuchtung ist anders. Tänzer wechseln, immer wirken irgendwelche Kräfte auf das Stück. Es gibt zahllose Variablen. Die Premiere ist nur der Anfang des zweiten und wichtigsten Prozesses. Alles was davor liegt, stellt nur eine Behauptung auf. Die Vollendung dieser Phase kann dann nur in Verknüpfung mit dem Publikum stattfinden.
Warum proben Sie nicht länger?
Man könnte proben, bis man tot ist oder schwarz wird. Vorstellung ist Vorstellung, Probe ist Probe. Wie eine geprobte Idee funktioniert, sieht man erst mit Publikum. Wenn das Publikum da ist, haben wir einen ganz anderen Zustand der Betrachtung. Den kann man vorher nicht einschalten. Durch das Publikum wird bei mir die Fähigkeit zur Selbstkritik wesentlich gesteigert. Ohne die Anwesenheit eines öffentlichen Körpers geht das für mich nicht. Ich könnte tausend Freunde einladen, es würde nichts helfen. Ich brauche ein Publikum, das bezahlt.
Die Änderung findet wesentlich durch das Geld statt?
Ja, man befindet sich durch das Geld in einer Transaktion, einem Austausch.
Sie arbeiten jetzt mit einer freien Company. Was hat sich dadurch geändert?
Frei sind wir auf keinen Fall. Ich habe einen Aufsichtsrat. Und ich muss Bericht erstatten, über Einkommen und Zuschauer. Zum Glück haben wir keine wirtschaftlichen Probleme. Wir haben eine hervorragende Geschäftsführerin, Frau Battis bringt uns viel Ruhe. Und wir haben dadurch, dass das Geld gesichert ist, einen anderen mentalen Zustand. Früher waren wir immer abhängig von den Etats, die sich ändern konnten. Die Oper oder die Geschäftsführung der Städtischen Bühnen Frankfurt konnte uns Geld wegnehmen - fast ohne Grund. Überschüsse, die wir erwirtschaftet hatten, konnten wir im nächsten Jahr nicht verwenden, sie wurden von der Oper ausgegeben. Das war demotivierend. Das ist jetzt unvergleichbar viel besser.
Erreichen Sie jetzt auch mehr Zuschauer?
Ja, wir hatten vergangenes Jahr 1,6 Millionen Zuschauer, wenn man die Besucher der Biennale mitrechnet.
Eine beeindruckende Zahl.
Ich arbeite ja auch oft für Museen, dadurch ist die Zahl so hoch. Wir können dort Objekte zeigen, die choreografisches Denken abbilden, ohne dass wir eine Aufführung machen müssen. So können wir an mehreren Orten zur gleichen Zeit sein.
Aber das Hauptgewicht liegt immer noch auf der Darstellenden Kunst?
Ja. Die Frage, die sich da für mich besonders stellt, ist: Was ist neu? Was können wir Neues machen? Wie in unserer letzten Arbeit, wo am Anfang ein halbstündiges gesprochenes Konzert steht, ein kontrapunktisches Konzert von Tänzern, in dem es um musikalische Autonomie geht. Das Thema Autonomie hat das 20. Jahrhundert bestimmt und ist, in all seinen Aspekten, eines der großen Themen für mich.
Sie arbeiten seit mehr als 40 Jahren als Choreograf.
Ja, 1963, in der Schule, habe ich als Choreograf angefangen. In Stuttgart habe ich 1973 dann professionell mit dem Choreografieren begonnen.
Wie hat sich in dieser Zeit die Welt des Tanzes verändert?
Es gab damals viel weniger Bestätigung. Unser "Fach" bestand nur aus ein paar verstreuten Punkten, es gab Pina Bausch, Martha Graham, Merce Cunningham. Heute ist die Revolution im Tanz überall angekommen und aus Tanz ist eine breite, machtvolle Bewegung geworden. Die Jungs haben heute Hip-Hop, niemand schämt sich mehr, Tänzer zu sein. In manchen Kreisen hat Tanz heute das gleiche Gewicht wie Sport.