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Theater

06. Oktober 2014

Interview Robert Stadlober Marcuse: Als hätte er es letzte Woche geschrieben

 Von 
Robert Stadlober.  Foto: Stefan Pabst

Der Publizist Thomas Ebermann und der Schauspieler Robert Stadlober bringen Marcuse auf die Bühne zum Jubiläum von "Der eindimensionale Mensch".

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Es scheint absurd, das Jubiläum eines gesellschaftskritischen Buches auf der Bühne zu feiern. Warum tun Sie das?

Thomas Ebermann: Das Jubiläum ist nur ein Trick (lacht). Die Kritische Theorie lehnt das Begehen von Jubiläen bekanntlich ab, und wir haben viel zusammen gelacht, wie Adornos 100. Geburtstag begangen wurde. Aber der Titel ist verlockend: „Der eindimensionale Mensch wird 50“.

Warum ist im Jahr 2014 Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ weiterhin interessant?

Robert Stadlober: Das Erschreckende ist ja, dass man dieses Buch liest und sich sehr viele Dinge darin – ich würde sagen: 90 Prozent des Buches – mit Sachen beschäftigen, die leider noch sehr aktuell sind. Den Eindruck hatten wir schon, als wir das erste Mal diese Schnapsidee hatten, daraus einen Theaterabend zu machen. Die Sachen, die Marcuse vor 50 Jahren befürchtet hat, sind mit einer Vehemenz eingetreten, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können.

Zur Sache

„One-Dimensional Man“, ein Hauptwerk des Philosophen und Kritischen Theoretikers Herbert Marcuse, erschien erstmals 1964 und wurde drei Jahre später bei Luchterhand auf Deutsch veröffentlicht. Das Buch untersucht die Möglichkeiten von Gesellschaftskritik und Revolution unter den Bedingungen des Fordismus der 60er und war ein Bestseller in linken Kreisen.

Zum Jubiläum des Erscheinens inszenieren der Publizist Thomas Ebermann, der Schauspieler Robert Stadlober sowie die Musiker Kristof Schreuf (ehemals „Kolossale Jugend“) und Andreas Spechtl („Ja, Panik“) den Theaterabend „Der Eindimensionale Mensch wird 50“. Das Stück feiert am 9. Oktober Premiere beim „Steirischen Herbst“ in Graz.

Auf Tournee ist das Stück danach unter anderem in Wien (15./16. Oktober), Hamburg (23.-25. Oktober) und Berlin (29./30. Oktober) zu sehen. In Frankfurt gastiert der Abend am Dienstag, 21. Oktober, im Mousonturm.

Zum Beispiel?

Stadlober: Zum Beispiel die vollkommene, enthirnte Verdinglichung der Menschen. Oder die Ideologisierung öffentlicher Meinung, die aber so verklausuliert ist, dass man es gar nicht mehr merkt. Man ist ja von so viel Wahnsinn und so viel Quatsch umgeben, dass man gar nicht mehr in der Lage ist, objektiv zu beurteilen, in welcher Situation man sich befindet. Du liest den „Eindimensionalen Menschen“ und alle drei Seiten denkst du: Das muss der letzte Woche geschrieben haben.

Ebermann: Es ist ja fast rührend, wenn Marcuse die Behauptung aufstellt, den Menschen werde die Möglichkeit zur Muße genommen, weil er von den Vergnügungs- und Informationsmedien umzingelt sei – und dann spricht er von Radio und Fernsehen. Wie klein das war im Vergleich zu dem, wovon der Mensch heute umzingelt ist!

Marcuse schreibt 1964, mitten im Kalten Krieg, vom Schreckensbild einer „Gesellschaft ohne Opposition“. Ist das ein aktuelles Problem?

Stadlober: Sagen wir mal so: Die oppositionellen Ideen, die es damals vielleicht noch gab, sind ja gar nicht mehr in der Welt.

Ebermann: Marcuse beschreibt 1964 die Festigkeit der falschen gesellschaftlichen Struktur und das Fehlen von Rebellion dagegen. Vier Jahre danach hat er wesentlich hoffnungsvoller oder intervenierender geredet und publiziert, etwa im „Versuch über die Befreiung“. Heute sind wir absolut entfernt von dem, woran er sich in den Jahren 1968 bis 1971 erfreut hat: Da schien etwas auf, dass die verwaltete Welt doch nicht absolut verwaltet ist.

Sehen Sie so etwas heute nicht mehr, trotz aller Protestbewegungen, die es gibt?

Stadlober: Das war ja damals schon ein Fehler von Marcuse. Worauf er gehofft hat, die Große Weigerung weiter Teile der jungen Generation, ist nicht eingetreten. Heute ist es noch schlimmer: Jede Form von Rebellion ist im Prinzip ein Teil von Lifestyle, etwas, was man halt tut, weil’s dazugehört. Man bekommt ja die ganze Zeit von den eigenen Eltern erzählt, dass es diese wilde Zeit irgendwann gibt zwischen Zwanzig und Dreißig. Davon ausgenommen sind natürlich die wirklich hehren Ziele von Antifas oder Flüchtlings-Unterstützern, aber das ist eine sehr kleine Gruppe. Wenn man sich als größten Auswuchs linker Bewegung so etwas wie Blockupy anguckt, dann sind da 8000 Leute. Ändert das etwas? Sicher nicht. Die breite Masse derer, die auf change.org klicken, damit die Blauwale gerettet werden, haben mit der Rebellion, die Marcuse erhofft hat, noch weniger zu tun als die 68er.

Ebermann: Man muss den Begriff der Oppositionslosigkeit von der Frage lösen, ob viel Hin und Her in der Gesellschaft ist. Ich würde sagen: Viel Hin und Her ist. Da muss man nur eine Talkshow machen. Dann ist der eine für Mindestlohn, der andere ist dagegen, oder sie streiten sich über die Höhe. Oppositionslosigkeit meint: Es gibt keine Opposition gegen das bestehende Ganze, es geht nur noch um die Verbesserung. Zugleich gibt es auch Kontroversen, die man nicht ignorieren kann. Wir hatten gerade eine Verschärfung des Asylrechts, das hat eine Bedeutung für die Roma und Sinti, die das treffen wird. Aber eine Opposition, die die Struktur der Gesellschaft infrage stellt, die gibt es nicht.

Was kann man sich eigentlich unter dem vorstellen, was Sie zu Marcuse und seinem Denken auf die Bühne bringen?

Stadlober: Wir arbeiten mit Fokus auf den „Eindimensionalen Menschen“ an einem Abend, der aufgrund der Abwesenheit großer Theaterschauspieler anders funktioniert als einer an einem großen Staatstheater. Es ist ein Zugang irgendwo zwischen Musik, gesprochenem Wort und Lesung, im besten Sinn ein kunterbunter Mix aus verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen – was der Tatsache geschuldet ist, dass wir alle vier das Gleiche wollen, aber jeder was anderes kann.

Ebermann: Wir stellen in einer Collage Marcuse vor. Und es ist nicht „Marcuse light“. Wir haben auch keine Scheu, Sequenzen vorkommen zu lassen, die überfordernd sind. Es gibt zum Beispiel eine Stelle zur philosophischen Grundhaltung des Antipositivismus, obwohl wir nicht vor Leuten spielen werden, die Marcuses philosophische Grundpositionen schon kennen.

Ebermann: „Es gibt keine Opposition gegen das bestehende Ganze.“  Foto: Stefan Pabst

Stadlober: Wir haben auch Pop-Momente, es gibt richtige Lieder, die tatsächlich wie ein Lied funktionieren – Strophe, Refrain, Strophe, Refrain – und auch durchaus schön sind. Es ist nicht die ganze Zeit Kunstquatsch und wir hauen auf Eisentonnen rum (lacht). Andreas Spechtl und ich haben einen Großteil der Musik gemacht, und die Pop-Affinität ist uns nicht auszutreiben.

Wie entsteht so ein Abend?

Stadlober: Wir haben uns meistens einen Themenkomplex vorgenommen, etwa „Marcuse und Gewalt“, und dann hatte jeder zwei Tage Zeit und durfte Material herstellen, sei es ein Dialog, sei es ein Song, sei es eine Collage aus Zitaten. Und dann haben wir uns getroffen und versucht, das zusammenzusetzen. Es eine Arbeit von uns allen vieren.

Wie sind denn bisher die Reaktionen auf und Erwartungen an den Abend?

Stadlober: Die Premiere ist zumindest ausverkauft (lacht). Die Leute in meinem Alter haben den Namen Marcuse zumindest schon mal gehört, die meisten wissen aber nicht, wo er hingehört und ob er „Markühs“ oder „Markuse“ ausgesprochen wird. Und dann gibt es Leute im Alter von Thomas, die bekommen ein seltsames nostalgisches Glänzen in den Augen, wenn man ihnen davon erzählt, weil dieses Buch für sie offenbar unfassbar wichtig war. Das geht von Volker Schlöndorff über SPD-Abgeordnete bis hin zu meiner Mutter.

Ebermann: Und gleichzeitig gibt es auch so etwas wie eine Abwehrhaltung von Menschen, die nicht mehr wissen wollen, was sie mal gefühlt oder gedacht haben. Da gibt es schon Leute, die fragen: „Kannst du da immer noch nicht von lassen?“ oder „Die Menschen sind doch heute viel freier.“ Menschen, die sich anpassen und die Träume ihrer Jugend verraten, können ihre Intellektualität und ihre Gefühle von damals nicht mehr nachvollziehen.

Stadlober : Angela Davis hat mal gesagt, dass die Leute ihrer Generation, wenn man den Namen Marcuse erwähnt, automatisch einen Seufzer ausstoßen und sagen: „Ich komme aus den sechziger Jahren.“ Die Sechziger sind sozusagen selbst zu einem utopischen Ort geworden, an dem man noch über Utopisches nachdenken konnte. Das gehört in dieselbe Schublade, in die auch Haschkuchen und Orgien gehören: Man hat nichts mehr damit zu tun, aber es war toll für zwei Jahre.

Wollen Sie denn an diese utopischen Diskussionen erinnern?

Ebermann: Nein. Es ist der Versuch – das ist schwer genug – ein gutes, kleines Kunstwerk auf die Bühne zu bringen. Jeder, der mit Ernst Kunst macht, soll nicht nach der Wirkung fragen. Sowohl Adorno als auch Marcuse sahen die Kunst hochgradig gefährdet, wenn die Sehnsucht nach einer politischen Botschaft dominant wird.

Stadlober: Aber gleichzeitig ist es nicht zu verhindern, dass sich der eine oder andere Zuschauer die Frage stellen wird: Warum ist das nicht mehr in der Welt, was da auf der Bühne gesagt wird? Ich finde, den Anspruch darf man auch haben. Wenn man gar nicht an das glauben würde, was man da macht, könnte man ja gleich Chartmusik produzieren oder in Filmen mitspielen, wo klar ist, dass sie zwei Millionen Zuschauer haben werden.

Interview: Hanning Voigts

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