Der Anfang überrascht. Als sich der Vorhang im Basler Theater hebt, sieht man auf einem trostlosen, mit Pfützen übersäten Platz kickende Männer. Einwurf, Kopfball, Tor - die dunklen Gestalten klatschen sich ab. Allmählich kippt die Stimmung, die Aggression wächst - dann erst setzt die Musik ein. Da könnte man meinen, Regisseur Calixto Bieito wäre Neues eingefallen zu Janáceks düsterer, letzter Oper "Aus einem Totenhaus". Ein entlarvender Blick auf diese eingesperrte Männergesellschaft vielleicht, die sich mit einem Fußballspiel einen Hauch von Normalität sichert.
Aber nach dem kurzen Intro ist es schon vorbei mit der Innovation. Den Pelzmantel, den der Gefängnisaufseher (angsteinflößend: Andrew Murphy) trägt, hat man schon einmal gesehen. Bei Bieitos letzter Basler Inszenierung schmückte er Lulu (Kostüme: Ingo Krügler). Bei diesem "Totenhaus" kommt einem vieles bekannt vor. Die explizite Darstellung von Gewalt, die Lust am Ekel, die schmutzige Sexualität. Bieito macht das brutale Stück, das von Erfahrungen in einem sibirischen Arbeitslager erzählt, noch brutaler. Als Schapkin (szenisch präsenter als sängerisch: Karl-Heinz Brandt) berichtet, wie er nach einem Diebstahl an den Ohren gerissen wurde, schneidet er einer der Leichen ein Ohr ab und leckt Blut. Zwischendurch werden Gefangene exekutiert. Die düstere Welt Bieitos kennt kein Licht und wenig Schattierungen. Es scheint auch, als gingen dem vielbeschäftigten katalanischen Regisseur die Ideen aus. Dieses "Totenhaus" ist ein Schocker von der Stange.
Theater Basel: 22., 30. November.
Janáceks auf einem autobiografischen Roman Dostojewskis basierende Oper enthält andere Farben. "In jedem Geschöpf ist ein Funke Gottes" steht als Motto über der Partitur. Am Ende keimt etwas Hoffnung auf, wenn Aleksander Petrowitsch Gorjantschikow (Eung Kwan Lee) die Freiheit erlangt. Das ist zuviel Positives für Bieito. Der Freigelassene wird in Basel abgeknallt.
Auch sonst dominiert bei diesem "Totenhaus" die Szene die Musik, zumal immer wieder Trampelgeräusche des Chores die feingliedrigen Orchesterklänge übertönen. Das Sinfonieorchester Basel spielt unter Gabriel Feltz solide. Rolf Romei überzeugt mit leisen Tönen als verrückt werdender Skuratow, Ludowit Ludha als tenoral gestählter Luka Kusmitsch, Fabio Trümpy als hell timbrierter Alej und Claudio Otelli als in der Mittellage dröhnender Schischkow setzen Akzente.