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Jean-Christophe Maillots getanzter "Faust": Fast jeder küsst fast jeden

Vom Begehren erzählt Jean-Christophe Maillots getanzter "Faust" in Wiesbaden - und vom Tod - in neoklassischer Eleganz. Maillot ist kein Zertrümmerer. Von Sylvia Staude

Gretchen im Käfig, schon umworben vom Tod.
Gretchen im Käfig, schon umworben vom Tod.
Foto: Marie-Laure Briane

Kaum wiederzuerkennen war nun in Wiesbaden die alte "Faust"-Geschichte, wie sie der Choreograf Jean-Christophe Maillot auf die Bühne brachte. Doch genau so geht es gut: Mit entschiedenem Formwillen kann auch ein Riesenstoff in ein schlankes Tanzstück (netto: anderthalb Stunden) übersetzt werden.

Maillot ist bewegungssprachlich kein Zertrümmerer, seine Tänzerinnen tragen Spitzenschuhe, er pflegt eine durch und durch neoklassische Eleganz. Seine Choreografien wirken dennoch modern: Weil er nicht nur die Stoffe kürzt und konzentriert, sondern auch den Figuren - besonders den Frauen - ein heutiges Bewusstsein mitgibt.

Sein zu Franz Liszts "Faust-Sinfonie" getanzter "Faust", der Ende 2007 in Monte Carlo Uraufführung hatte, war nun zu den Maifestspielen eingeladen. Wer Maillots Wiesbadener Inszenierung der Gounod-Oper gesehen hat, konnte also vergleichen.

Tod mit Spinnenbeinfingern

Eine radikale Weichenstellung erfolgt in der Tanzfassung schon dadurch, dass Maillots Primaballerina Bernice Coppieters in der Rolle eines katzenhaften, androgyn verführerischen Todes fast durchgehend auf der Bühne präsent ist. So expressiv, fast in der Manier eines Revuestars umgarnt die ungewöhnlich große Tänzerin ihre Opfer, dass die extrem langen Spinnenbeinfinger, die Philippe Guillotel (Kostüme) ihr verpasst hat, unnötig plakativ sind.

Aber die Kostüme sind dazu entworfen, Maillot von Erzähl-Last zu befreien. Schwarze Männer in roten Handschuhen, roter Weste - da müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht Mephisto, Beelzebub, Satan, Shetan und Luzifer sind. So wie die Unterweltler hat Maillot zuerst auch Faust (hellbeiger Anzug) und Gretchen (hellbeiges Kleid) vervielfacht. Und die jungen Männer linsen nach den Mädchen, die von der Teufelsschar ins Licht gesetzt werden.

Nach der Pause verdichtet Maillot, lässt Asier Uriagereka (Faust) und Mimoza Koike (Gretchen) ein zart-ausgelassenes Liebes-Pas-de-deux tanzen. Und setzt ihm einen Kontrapunkt: Der Tod scheint Mephisto durchaus nicht unattraktiv zu finden. Fast jeder küsst fast jeden in Maillots "Faust": Seine Menschen sind randvoll mit Begehren.

Ein Blutstropfen schwebt ein

Der Bühnenbildner Rolf Sachs steht Maillot nicht nach, was die Entscheidungen zugunsten klarer Linien und klarer Signale betrifft. Ein einzelner blutroter Tropfen schwebt wie ein Lampion ein, als Faust und Mephisto ihren Pakt besiegeln. Gretchen wird nicht ins Gefängnis, sondern in einen Vogelkäfig gepackt. Und von einem entwurzelten, kronunter hängenden Baum pflückt sie einen rotbackigen Apfel der Versuchung.

Das sehr diversifizierte Maifestspiel-Tanzprogramm brachte einige Tage vor dem "Faust" Alain Platels stetig tourendes "Pitié!" (s. FR vom 4.9.2008) nach Wiesbaden. Eine ganz andere Form war da zu besichtigen, die die Augen dafür öffnete, dass viele Wege zu einem großartigen Stück führen können.

Denn "Pitié!" von dem in der freien Tanzszene lang schon berühmten Belgier Platel ist ein großer, meist ruhiger Fluss. Eine Choreografie, die aus dem Moment zu entstehen scheint (scheint!), aus einem fast beiläufigen Vor- und Zurücktreten einzelner Ensemblemitglieder der Ballets C. de la B. Es gibt drei auch darstellerisch überragende Sänger, aber keine "Rollen", man trifft sich, man tanzt, turnt, man streitet, streichelt, plaudert gleichsam wortlos. Und Bachs Matthäuspassion passt dazu wie ein Maßhandschuh.

Autor:  SYLVIA STAUDE
Datum:  11 | 5 | 2009
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