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Theater

14. Dezember 2009

Jean Racines "Phädra": Vom Glühen der Gefühle

 Von Peter Michalzik

Jean Racines "Phädra" wurde geschrieben für das Theater des dramatischen Niedersinkens, der großen Geste, des allerhöchsten Tons. Wie kann man das heute spielen? Frankfurts Intendant Oliver Reese findet einen Weg. Von Peter Michalzik

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Wir befinden uns im geheimsten Winkel des Palastes von Troizene. Schmal ist der Mauerspalt, durch den allein man hierher gelangt, eine enge Kammer. Des Hippolytos Erzieher Theramenes kommt und erweckt diesen Raum mit einem Streichholz und gemessen-weicher Sprache zum Leben. Felix von Manteuffel zündet eine Kerzenreihe an der Rampe an.

Da sieht man, dass die massive Rückwand, die der Bühnenbildner Hansjörg Hartung ganz nah an diese Kerzenrampe und die Zuschauer herangerückt hat, so dass nur ein schmaler Bühnenstreifen für das Spiel bleibt, aus Kupfer besteht, diesem warmen, aus sich selbst heraus glimmenden Metall. Kein Zweifel, wir sind im Gefühlskern des antiken Königreichs, im Herzraum, in der Kammer des Glühens.

Man zwängt sich durch den Spalt hinein, an diesen roten Ort, wo keiner glücklicher herauskommt, als er hineinging. Gefangene ihrer selbst werden sie hier alle, die Großen und die Kleinen, die Könige und die Diener, und doch zieht es sie genau hierher. Da ist Hippolyt, so stolz und aufgeräumt, so sauber und seiner selbst sicher, weil seiner Ehre klar verpflichtet. Ein junger Mann, der vor seiner ersten großen Tat steht, und doch diese Kammer nicht überleben wird.

Der junge Christoph Pütthoff spielt ihn schnell und entschieden, er mischt kantigen Ingrimm mit dem Charme des Überzeugungstäters. Das ist der Frankfurter Ingo Hülsmann, die beiden haben eine frappante Ähnlichkeit. Wobei Ingo Hülsmann (das ist einer der Protagonisten am Deutschen Theater) sich sehr anstrengen muss, dass er nicht ganz schnell wie der Berliner Pütt-hoff aussieht.

Und da ist Phädra, die den Besuch in dieser Kammer auch nicht überleben wird. Stephanie Eidt hat die unmögliche Aufgabe, die Frau zu sein, die nur eines tut. Sie liebt und zwar "rasend, über alles Maß". Sie erscheint als Heroine des Schreckens, mit der großen Gucci-Sonnebrille und dem grauen Cape wie eine gefallene Jet-Set-Adlige, Caroline vielleicht, Blut rinnt aus dem Auge. Dann glimmt sie noch einmal im bronzenen, rückenfreien Abendkleid, als sie eine Hoffnung für ihre Liebe zu Hippolytos sieht, um dann tragisch, unerlöst, unerkannt und doch alles sehend und verstehend zu verglühen.

Man muss sich kurz vorstellen, was für ein Spiel zu solchen Figuren einmal gepasst hat. Das Theater des Jean Racine, des großen Klassizisten, war das Theater des dramatischen Niedersinkens, der großen Geste, Hand aufs Herz, des allerhöchsten Tons. Das war, was man schon damals in Deutschland nicht ertragen hat, weil man es als viel zu manieriert und theatralisch empfunden hat. Das war eine hochentwickelte Rhetorik der Gefühlsgesten, die ausladende Beglaubigung ins höchste getriebener Leidenschaft, eine artifizielle Sprache geschüttelter Seelen.

Wie kann man das heute spielen? Alexander Lang hat es vor 20 Jahren mit Kleists "Penthesilea" zusammengespannt, dem großen deutschen Drama der übersteigerten Raserei, und aus Wortgirlanden den Holzschnitt herausgearbeitet. Patrice Chereau hat vor knapp zehn Jahren ein beherrschtes Spachsingen für seine französischen Schauspieler gefunden und so dieses unmögliche Drama durchlebbar gemacht.

Oliver Reese, Frankfurts Intendant, als Regisseur bisher nur mit kleineren Projekten oder eher sicheren Nummern hervorgetreten, findet nun im kleinen Frankfurter Haus ebenfalls einen Weg. Aus Emphase wird in dieser engen Aufführung in ihren besten Momenten eine Struktur der Leidenschaft. Der Text wird, durch den begrenzten Raum, durch eine klare Leitmotivtechnik, transparent wie eine mathematische Gleichung. Blicke und Augen etwa werden als Brennpunkte der Liebe konjugiert, einer Liebe, die in ihnen liegt und entflammt wird.

Allein aus der Frage der Berührung, wer von diesen in ihrem Unglück Gefangenen berührt wen wann und wie, macht Reese eine eigene Aufführungsschicht. Wie Oenone, Phädras Vertraute, wunderbar eigennützig, ängstlich, wachsam gespielt von Franziska Junge, an Phädras nacktem Abendkleidarm entlangstreicht, ohne ihn zu berühren, versonnen, berechnend, zärtlich zugleich, das ist ein großer Moment kleiner Gestik, eine überraschende und überzeugende Übersetzung Racines in eine heutige Kunstform.

Der Womanizer Theseus, der fürsorgliche Theramenes, die beherrschte Panope und die entzückende Aricia, die Hippolyt liebt und die selbst nicht weiß, ob sie dabei durchtrieben oder fühlend rein ist, sie alle sprechen auf hohem Niveau. Diese Schauspieler sprechen so gut, weil sie in jedem Moment verstanden werden wollen, weil sie ihr Regisseur offenbar dazu gebracht hat, ihren Text zu durchdringen. Sie wirken hier wie die magischen Sieben. Das ist zeitgemäßer Klassizismus, der Schule machen könnte, eine der Theatersprachen, die fehlt.

Eine unglaubhafte Inzest-, Liebes- und Leidensgeschichte wird eine unglaubliche Handlung, der man immer atemloser folgt. Langsam wird es beängstigend, was am Schauspiel Frankfurt da vor sich geht, eine gelungene Produktion folgt der nächsten, wo soll denn das noch hinführen?

Schauspiel Frankfurt: 14., 16., 22., 28. Dez. www.schauspielfrankfurt.de

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