Riccardo Muti gab den patriotischen Neapolitaner und präsentierte in Salzburg und Paris die mehrfach überarbeitete Seria "Demofoonte" des 1774 in Neapel verstorbenen Niccolò Jommelli. Das von Muti gegründete Jugendorchester Luigi Cherubini und ein Ensemble von erstaunlich Da capo- und koloraturfitten jungen Sängern führten die Version von 1770 auf. Hier ist kein neues musikalisches Weltreich zu entdecken, es ist eher ein Ausflug in eine schöne, obgleich schon zu ihrer Zeit etwas altmodische Provinz der europäischen Musik. Die mehr als drei Nettostunden Musik bestechen in ihrem ständigen Wechsel von Rezitativen und inniger Melodieentfaltung. Der Abend dreht sich wie ein Karussell der Arien, die den Sängern erhebliche Kondition und Stimmartistik abverlangen.
Die damit verbundenen Profilierungsmöglichkeiten nutzen sie: Angefangen vom russischen Tenor Dmitry Korchak, der als kraftvoll geschmeidiger königlicher Titelheld Demofoonte Mühe hat, die Balance von Staatsräson und Vaterliebe zu halten. Oder Josè Maria Lo Monaco, die beim jungen Timante erst den heimlichen Ehemann, dann den Bräutigam wider Willen, den vermeintlich inzestuösen Bruder und obendrein den vom lieto fine Geretteten glaubhaft machen muss. Am Ende kann er zur schönen Dircea (Maria Grazia Schiavo) zurückkehren. Sein Bruder (Valentina Coladonato) darf unterdessen die fremde Prinzessin Creusa heiraten, die Eleonora Buratto mit Furor versieht.
Dass Muti für italienische Regieabstinenz sorgen würde, war zu erwarten. Cesare Lievi beschränkt sich auf ein eher beiläufiges Arrangement der Auf- und Abtritte. Damit verschenkt er nicht nur das Potenzial, das auch diese Pietro-Metastasio-Vorlage mit ihrer abstrusen Verwechslungen und Intrigen bietet. Er macht auch nichts aus der Idee von Margherita Palli, die hinter einem romantischen Seebild den Blick in einen mit Säulen und diversen Aussichten versehenen Raum freigibt, in dem Oben und Unten durcheinander geraten sind. Dieser metaphorische Zugang der Szene über einen romantischen Rahmen fügt sich bruchlos zu dem musikalischen Zugang.
Nach dem jahrzehntelangen und in der Breite erfolgreichen Übergang zur historischen Musizierweise hat es im Übrigen schon etwas von einer demonstrativen Verweigerung, wenn sich barocke Arienpracht nicht am aufgerauten alten Instrumentenklang reibt. Zumal dann, wenn das Gefällige, betont Artifizielle auch noch eine Glanzverpackung erhält.