Zum Abschied hat sich Frank Baumbauer den "Othello" gewünscht. Mit dieser finsteren Skandalaufführung von Luk Perceval hat der Intendant Baumbauer vor sechs Jahren die renovierten Münchner Kammerspiele wieder eröffnet. 93 Mal wurde der "Othello" seitdem gespielt, 93 Mal ging jemand raus, wütend oder verständnislos, meistens wütend, vor allem wegen der derb-zotigen Sprüche, die Feridun Zaimoglu für das Stück erfunden hatte. Es ist die Art von Sprüchen, wo "schwul" nicht nur homosexuell bedeutet.
Jetzt, beim Abschied, bei der letzten Vorstellung unter Baumbauer an den Kammerspielen, ging das erste Mal niemand raus. Im Dunkel, in der schwarzen offenen Bühne und mit hartem Gegenlicht, lief das Spiel um den "Moor of Venice", der bei Zaimoglu meistens "Schoko" genannt wird, noch einmal ab. Knurrig-trocken der ungeschminkte "Schoko"-Othello von Thomas Thieme, engelsgleich weiß und rein die Desdemona von Julia Jentzsch, zotig-schwul der Jago von Wolfgang Pregler.
Eine schwarze, abgründige, pessimistische Aufführung, wie ein Fausthieb gegen das aufgeklärt helle, intelligent interpretierende, leuchtend weiße Bildertheater, das hier zuvor stattgefunden hatte. Es dauerte lange, bis die Münchner diesen Wechsel mitmachten, Baumbauer ließ sich nicht beirren, machte mit seinem Theater immer weiter, und heute liegt ihm das Publikum zu Füßen. Der lange Applaus am Ende galt nur ihm. Mannhaft hielt Baumbauer auf der Bühne auch bei der zehnten Verbeugung seiner Rührung stand.
Othellos letzte Worte mit neuer Bedeutung
Ihm selbst war erst in der Aufführung aufgefallen, welche Bedeutung die letzten Worte des "Othello" nun gewannen: "Vorbei, vorbei, vorbei", sagt Thieme leichenbitter. Jeder hatte immer verstanden, dass da alles vorbei war, die Liebe, der Glaube, das Leben, die Hoffnung. Nun kam noch etwas dazu, das vorbei ist, und auch wenn das Ende einer Intendanz nun doch nicht so schwer wiegt wie das Ende des Glaubens an den Menschen, irgendwie gab es diesen "Vorbeis" doch eine gravitätische Bedeutung, der sich niemand im Publikum entziehen konnte.
Und es ist ja auch wahr: Es ist - wahrscheinlich, Sicherheiten gibt es in der Kunst nie - mehr vorbei als eine Intendanz. Sieben Intendanten haben jetzt aufgehört, Baumbauer war der letzte von ihnen, sieben werden in der nächsten Spielzeit neu beginnen. An den Theatern in Hannover und in Dresden eröffnen junge Regisseure die neuen Intendanzen, die noch vor zwei Jahren nie für eine solche Rolle in Frage gekommen wären. Regisseure, die zum Teil zwar auch in München bei Frank Baumbauer inszeniert haben, die aber doch nicht sein Theater gemacht haben, die leichter sind, mit schnellerem Witz. Vielleicht übernimmt nun wirklich eine hellere, freiere, vielleicht auch flachere und bravere Generation den Ton, weniger inbrünstig, dafür unbeschwerter.
Baumbauer hat das Theater mehr als zwanzig Jahre lang geprägt. Diese prägende Wirkung begann in Basel (obwohl er vorher Intendant des Münchner Residenztheaters gewesen war) und erreichte ihren Höhepunkt am Hamburger Schauspielhaus und an den Münchner Kammerspielen. Die Bedeutung eines Intendanten (der noch dazu seit sehr langem nicht mehr Regie führt), ist immer schwer zu bestimmen. Vielleicht ist diese Bedeutung bei Baumbauer aber ganz einfach: Er hat mehr als jeder andere das deutsche Regietheater durchgesetzt, das soeben wieder so angefochten wird.
Das Theater selbst steht im Vordergrund
Um genauer zu sein: Es ist die zweite Generation des Regietheaters, deswegen ist es auch kein Widerspruch, wenn die erste Generation immer wieder auf die zweite schimpft. Was diese zweite Generation ausmacht, war jetzt, im "Othello", noch einmal sehr schön zu sehen. Während bei der ersten Generation die Interpretation des (meist klassischen) Textes im Vordergrund stand, wenn auch manchmal radikal modern oder subjektiv, ist es in der zweiten Generation das Theater selbst, das sich in den Vordergrund schiebt.
Im "Othello" ist es die schwarze, dunkle Bühne, die mehr verbirgt als zeigt, die mehr als Metapher anwesend ist denn als Raum. Es sind die Schauspieler, die sich wortlos im Finsteren umkreisen, und dabei ein elementares, dunkles Begehren sichtbar machen. Es ist die Bühnenmusik von Jens Thomas, der die Emotionen jedes Mal wieder mit dem Flügel und seiner Stimme aus den Tiefen eines unerlösten Inneren hervorzuholen scheint. Es ist die grobe Sprache, durch die eine eklige Seite der Gegenwart direkt da ist. Bei allem kann man sich streiten, ob das "Othello" ist, aber nicht, dass es Theater ist, und zwar eines voller Kraft.
Es geht nicht um die lange heiß diskutierte Frage, ob ein Intendant selbst Regie führen soll. Natürlich geht beides. Bei Baumbauer, der in München die besten Leute versammelt hatte, die es im Theater gibt, war es eine Art Bescheidenheit - und das bedeutet ja immer Sachdienlichkeit, die seine größte Qualität ausmachte und die regieführenden Intendanten naturgemäß nicht gegeben ist. Es ist Baumbauer zu glauben, wenn er sagt, dass er am liebsten unauffällig durch die Tapetentür verschwunden wäre.
Wenn er in den letzten Jahren sibyllinisch lächelnd sagte, dass er nicht wisse, was er nach den Kammerspielen tun werde, freute er sich anscheinend immer darüber, dass ihm niemand glauben wollte, was doch wahr ist: Er weiß es bis heute nicht, er weiß nur, dass er kein Theater mehr leiten wird.
Percevals "Othello" wird in der nächsten Spielzeit in Hamburg zu sehen sein.