Mit dem Tod beginne die Verklärung, heißt es. Bei Karl May, dem Großmeister der Abenteuerromane, setzte sie schon zu Lebzeiten ein. Literarisch ist das nicht zu rechtfertigen: Ein Erzähler war er, ein Stilist nicht. Dem Mythos hat das nicht geschadet. Es brauchte Harry Potter und Artverwandte, um die Weltentwürfe des Schriftstellers aus den Sehnsuchtswelten seiner Zielgruppe zu vertreiben.
Rainald Grebe, der Grenzgänger der deutschen Theaterszene, hat Karl May jetzt wiederbelebt und auf die Bühne des Leipziger Centraltheaters gebracht. Wobei die Frage, welchem Genre Grebes "Karl-May-Festspiele" zugeordnet werden können, auch nach der Premiere offen bleibt. Eine szenische Lesung, bei der fünf Schauspieler des Leipziger Ensembles aus dem ersten Teil der Winnetou-Tetralogie vorlesen, zwischen den Kapiteln Gesangs- oder Moderationseinlagen mit dokumentarischen Stilmitteln, abschließend die Aufführung eines weiteren Kapitels, diesmal mit kostümiertem Protagonisten: Regisseur und Moderator Grebe bietet einen Reigen von Darstellungsformen auf, als gelte es, ein Portfolio dramaturgischer Ausdrucksmittel zu erstellen.
Was vordergründig beliebig und unstrukturiert wirkt, ist tatsächlich feinsinnig erdacht. Die Art der Präsentation ist bereits der Inhalt: Gewissheiten, Abgrenzungen, Erwartungen werden hinweggefegt, eine Phantasie, die Achterbahn fährt, erhebt sich aus den Trümmerlandschaften des Konventionellen.
Womit Grebe die Brücke zu Karl May schlägt, einem verurteilten Hochstapler, der seinen Lesern vermittelte, selbst Old Shatterhand zu sein; der vorgab, mehr als 30 Sprachen und Dialekte zu sprechen, aber nicht einmal seine Muttersprache beherrschte. Ein literarischer Parvenü, ein Gernegroß, der im Virtuellen lebte und virtuelle Welten erschuf.
Mays brausendes Sprachgebläse
Die Inszenierung betont wiederholt das Absurde in seinem Werk, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Grebe hat einen Zugang gefunden, der zwar respektlos, aber nicht vernichtend daherkommt. Etwa eingangs, als sich die Schauspieler bei der Lesung bemühen, dem brausenden Sprachgebläse Karl Mays atmosphärische Dichte zu entreißen, während mehrmals Figuren aus anderen Epochen durchs Bühnenbild gehen und jeden Ansatz von Authentizität atomisieren. Eine Parade der Verfremdung. Karl May mag Phantasie gehabt haben: Martin Luther oder ein Astronaut sind in seinen Büchern nicht zu finden. Die Inszenierung parzelliert den Mythos, überführt ihn ins Grundsätzliche. Der Autor und sein Werk stehen nur exemplarisch für die Frage, was von Welten bleibt, die der unbarmherzigen Kraft des Wandels ausgesetzt sind. Nicht nur in Ostdeutschland ist diese Frage allgegenwärtig.
Es ist vor allem Anita Vulesica, die lustvoll die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität verkörpert. Eben noch brilliert sie in der Rolle der Winnetou-Schwester Nscho-tschi, besingt wehmütig-sinnlich die Sehnsucht nach einem starken Begleiter, um sich zwei Kapitel später die Perücke vom Kopf zu reißen, aus der Rolle auszusteigen und Karl May, sein Frauenbild und dessen thematische Endlosschleifen zeternd und unter dem Jubel des Publikums zu verdammen. So routiniert können sich sonst nur Politiker von sich selbst distanzieren.
Zwischen Lesung und Schauspiel - wenn der Abend überhaupt einen dramatischen Nucleus hat, ist er an dieser Stelle zu verorten - wird die Wucht der Wirklichkeit spürbar. Vulesica setzt zu einem selbstverfassten Monolog an, bei dem sich Ergriffenheit über die Zuschauer legt. In schlichten Worten, der Unterschied zu den gestelzten Satzkonstruktionen von Karl May ist offenkundig, berichtet die Exil-Kroatin über die Region, aus der ihre Familie stammt.
Der Monolog der Kroatin
Wo in Dalmatien früher die Winnetou-Filme gedreht wurden, wehrten sich drei Jahrzehnte später Kroaten gegen Serben. Vulesica spricht über ihren Großvater, der als Statist bei den Winnetou-Verfilmungen mitwirkte, über ihren Biologielehrer, der beim Jagen auf eine Mine trat, beschreibt wieder ihren Großvater, wie der sich durch ein Minenfeld zu seinem von Serben niedergebrannten Haus herantastete.
Dieser Monolog offenbart, wie wirkmächtig Sprache sein kann, wenn sie sich von allem Bombast befreit und auf den Inhalt konzentriert. Simplifikation, die Reduktion auf das Wesentliche - bereits Marc Aurel, der Philosoph auf dem römischen Kaiserthron, hat dieses Prinzip beschrieben. Viel zu selten erinnert man sich heute daran, zumal auf deutschen Bühnen. Doch Grebe wäre nicht Grebe, wenn er sein Publikum damit entließe. Karl May setzt sich durch, es wird weiter gestorben, aber nur auf der Bühne. Nscho-tschi stirbt in den Armen von Winnetou (Martin Brauer) und Old Shatterhand (Manuel Harder). Ihr Mörder Santer (Hagen Oechel) darf natürlich auch nicht überleben. Ordnung muss schließlich sein, zumindest in der Fiktion.
Grebes Inszenierung ist eine humoristisch-melancholische Hommage an alle Übriggebliebenen, die sich nicht Alltag, Zeitgeist und Globalisierung ergeben haben, sondern dem Imaginären treu geblieben sind. Ein stiller Appell, sich dem Krisen- und Chaosfesten zu verschreiben und Trutzburgen der Phantasie zu erschaffen. Kurz nach einer Weltwirtschaftskrise und 20 Jahre nach der Wende ist es Zeit für diese Botschaft.
Schauspiel Leipzig: 30. Dezember, 23., 27., 31. Januar. www.schauspiel-leipzig.de