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Berlin: Kasperle-Kosmos

Patrick Wengenroth inszeniert „Die letzten Tage der Menschheit“ als ein zwischen Kabarett und Dada, Poptheater und Performance angesiedeltes Stück Kommentartheater aus lässig hingewürfelten Nummern.

Zumindest eine Debatte um Werktreue muss nicht fürchten, wer Karl Kraus’ Monstertragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ auf die Bühne hievt. Denn abgesehen davon, dass nur wenige das 770 Seiten lange Drama wirklich gelesen haben werden, lässt es sich ohnehin kaum inszenieren. Karl Kraus jedenfalls hat nie an eine Aufführung des zwischen 1915 und 1922 entstandenen Werks gedacht; durch sie wäre, wie er schrieb, „ein Zurücktreten des geistigen Inhalts vor der stofflichen Sensation wohl unvermeidlich“. Den Epilog trug er selbst verschiedentlich vor; auch eine Bühnenfassung hat er erstellt. Aber eine Darbietung des Gesamtdramas? „Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten“, es ist einem „Marstheater“ zugedacht. Das steht in den Vorbemerkungen.

In der Berliner Inszenierung dieses Marstheaterstücks steht der Herr Regisseur nun höchstselbst auf einer von blutroten Vorhängen eingefassten Balkonbühne. Er verliest mit ironisch durchzitterter Stimme Auszüge aus den Vorbemerkungen, schiebt die Vorhänge beiseite – und entlässt den Zuschauer in einen zweistündigen Kasperle-Kosmos. Zuweilen wird man Patrick Wengenroth, den Herrn Regisseur, noch durchs Bild stürzen sehen, am Ende rupft er alle Vorhänge herunter. Die Bühne wird hernach zum Gerüstturm ohne Geheimnis. Eine Baustelle. Ein Provisorium.

„Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus ist ein zwischen Satire und Surrealismus, Dokument und Drastik beheimatetes Stück Weltkriegstheater mit über 200 ineinander gehäkelten Szenen. Der Erste Weltkrieg, von dem es handelt, ist hier ein Stimmensturm aus Zitaten, realen, fiktiven und halbfiktiven Figuren und Fakten, die alle den Irrsinn des Krieges zu entlarven trachten.

„Die letzten Tage der Menschheit“ von Patrick Wengenroth im Hebbel am Ufer sind ein zwischen Kabarett und Dada, Poptheater und Performance angesiedeltes Stück Kommentartheater aus lässig hingewürfelten Nummern. Es treten auf: Bert und Ernie aus der Sesamstraße, Bart Simpson und Soldaten mit Kochtopfhelmen, Vertreter der Muppet-Show, die Kriegsreporterin Alice Schalek, zwei Hofrätinnen in Ganzkörperplüschkostümen, ein Lederhosen-Onanierer und die Berliner Rockband „Die Türen“. Sie alle suchen uns davon zu überzeugen, woran Kraus keinen Zweifel ließ: dass der Krieg neben Toten und Lügnern vor allem Menschen-Karikaturen produziert. Gleichwohl, es gibt auch Unterschiede.

Alice Schalek etwa, die hier eine Frühform des Johannes-B.-Kerner-Journalismus verkörpert (von den Soldaten will sie immerfort wissen, wie sich das Schießen und Morden so anfühlt), wird an diesem drolligen Abend von Verena Unbehaun mit schön böser Ironie zur sexy Sesamstraßen-Tante umgedichtet; sie unterrichtet die lieben Zuschauerlein über die Vorzüge des Krieges: Als Gleichmacher und also Demokratisierer leiste er vorzügliche Arbeit. Oder Ernie, der, sehr lustig, über die Balkonkante lugt und das tolle Treiben mit „Leck mich!“ kommentiert – selbst die Unschuldspuppen aus dem Kinderfernsehen sind hier zu Medienmonstern geworden. Durch Wengenroths Regiebrille erscheint die ganze Welt wie ein Karikaturenstadl. Es gibt bei ihm keine hehren Orte des Wahren, Schönen, Guten, sondern: Scherz, Satire, Ironie – und durchaus auch tiefere Bedeutung, nur dass Tiefe und Bedeutung immer als Zitat und Querverweis erscheinen, also wie ein Stück nasse Seife durch die Szenen schlittern.

Dieses Scherz- und Zitat-Theater hat Wengenroth, geboren 1976 in Hamburg, zur höchsten Kunst entwickelt: einer Kunst des Uneigentlichen, die das Theater als Kommentar-Anstalt begreift. Vor allem die dreiteilige Serie „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“, entstanden 2009 an der Berliner Schaubühne, hat seine Kunst von ihrer schönsten, ihrer heiteren Seite zeigt. So viel intelligenter Klamauk ist selten. Dennoch gibt es beim ihm immer wieder Szenen großen Ernstes – sie brechen wie Naturkatastrophen aus.

So treten unvermutet der Nörgler und der Optimist auf, bei Kraus zwei Kriegstheoretiker, deren Gespräche einen der roten (roten?) Fäden durch das Drama legen. Wengenroth lässt sie sehr ernsthaft, sehr intensiv diskutieren – und bricht die Szene schließlich einfach ab. Nächste Nummer: „Die Türen“, live und laut. Sie präsentieren locker drauflosrockende Songs aus dem Album „Popo“, Songs wie „Tanz den Tanz“ oder „Sei schlau, bleib dumm!“. Dramaturgisch tut das nichts zur Sache, aber schön sind diese Rock-Intermezzi doch, irgendwie.

Zum Schluss verliest Wengenroth den Weltbeschimpfungstext „Subito“ von Rainald Goetz, und beschließt ihn mit den Worten: „Und jetzt los, ihr Ärsche, Premierenfeier! Tanzen!“

Hebbel am Ufer 2, Berlin, 26. und 27. Oktober, www.hebbel-am-ufer.de

Autor:  Dirk Pilz
Datum:  24 | 10 | 2010
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