Schon das erste Bild verweist auf Shakespeares Zeit. Es gleicht einem mittelalterlichen Gemälde, das die Welt als todgeweihten Sündenpfuhl offenbart. Und es zeigt, was wir schon als Kinder entdecken, wenn wir einen Stein von der Erde aufheben: kriechendes Gewürm, das sich einen Teufel um unser Erschrecken schert und vollkommen gleichgültig auch unseren Tod erwartet, um sich daran zu laben. Der Stein verbirgt ein Grab.
In Klaus Schumachers Version von "Romeo und Julia" ist dieser Stein ein großer schwarzer Kasten, der sich langsam hebt und unter dem sich schmatzend gesichtslose Leiber wälzen, hingegeben und verdammt von ihrer unersättlichen Gier. Zum Leben erweckt durch den Fürsten, als der Achim Buch uns die berühmteste Liebesgeschichte des Abendlandes erzählt, verwandeln sich die Leiber in Dienstboten der beiden verfeindeten Familien Veronas. Später werden sie zu Partygästen, Bürgern, Gaffern, Todesboten - zur Trägheit des Zufalls, der alle Hoffnung vernichtet. In ihnen spiegelt sich das Unbeteiligtsein der Welt an allen großen und kleinen Katastrophen. Also das Publikum.
Heide Kastler hat diesen Chor aus 16 bleich geschminkten jungen Männern in bräunlich changierende Uniformen mit kurzen Hosen gesteckt. Eine Camouflage, die sich vollkommen anpasst an die Farbfelder auf der schräg gekippten, nackten Bühne von Katrin Plötzky, und sie erinnert an die Kluft der Hitlerjugend. Das ist unser geschichtliches Erdreich, sagt die Inszenierung, und in der Mitte liegt unser Pfuhl.
Auf derlei entwaffnende Direktheit, auf die Kunst des einfachen Geschichtenerzählens und den Verzicht aufs Dekorieren, baut Klaus Schumachers Regie. Und auf die emotionale Präsenz der Schauspieler in diesem großen Ensemblestück. Sie bescherte dem Schauspielhaus bei der Premiere das lang ersehnte Wohlwollen, das unter Friedrich Schirmers Intendanz bislang ausblieb - trotz der Erfolge außerhalb Hamburgs. Endlich entwickeln sich auch die Zuschauerzahlen der fünften Spielzeit, im Vergleich zum Vorgänger Tom Stromberg, positiv.
Damit dürfte auch der Druck auf Klaus Schumacher, der die Jugendsparte des Schauspielhauses leitet und dessen preisgekrönte Arbeiten für die Nebenbühne, den Malersaal, drei Spielzeiten lang die einzigen Lichtblicke für das Haus bedeuteten, langsam nachlassen. Als er vor zwei Jahren mit Shakespeares "Was ihr wollt" sein Debüt auf der großen Bühne gab, schien man noch aus der Not eine Tugend und einen gefälligen Abend machen zu wollen. Inzwischen aber steht er nicht mehr alleine da und hat sich als Shakespeare-Forschungsreisender, als der er sich selber sieht, mit einem "Hamlet" im Malersaal durchgesetzt, der sich auf das Beziehungsgeflecht zwischen den Generationen konzentriert. Schumacher hat seine Zwitterrolle im Jugend- und Erwachsenentheater konsolidiert und empfindet sie als Glück. Im Falle von "Romeo und Julia" als Chance, zu zeigen wie nah sich Liebe am Tod definiert. Schumachers Forschungsergebnis: Liebe kann so groß sein, dass sie die Gesetze aus den Angeln hebt und sogar den Tod im Tod überwindet.
Seine Bühne wird so zum Instrument der Klärung und Katalysator. Aus der zunächst komödiantischen Situation, die vor allem Irene Kugler als Amme beherrscht, entwickelt Schumacher Beziehungen, die von Angst beherrscht sind und unwillkürlich, zwischen dem melancholischen Romeo von Aleksandar Radenkovic und seinem Provokateur Tybalt (Martin Wißner) etwa, in pubertären Männlichkeitswahn und tödliche Gewalt umschlagen.
Allein mit dem schwarzen Kasten kann Schumacher alles erzählen. Er schwebt in den Bühnenhimmel, um nach einer Vierteldrehung als hohler, beleuchteter Guckkasten zurückzukommen, als Mädchenzimmer zum Beispiel, in dem sich Julia Nachtmann in einem rosa Petticoat, der auch ein Narrenkostüm ist, als kraftstrotzende Julia räkelt und vom umhätschelten Kind, das von der Ehe träumt wie von den leuchtenden Ringen, die mit ihr herabschweben, zur radikalen und todesmutigen jungen Frau mutiert.
Als Blackbox umschließt der Kasten den Maskenball im Hause Capulet und lässt in rosa Schummerlicht und Diskogedröhn nur zusammen gedrängte, tanzende Unterleiber sichtbar werden, während die Kontrahenten des Stücks gleichsam von ihm ausgespuckt werden und im knappen Wortwechsel ihr Konfliktfeld entfalten, während Musik und Tänze hinter ihnen erstarren.
Ganz nebenbei versenkt sich Schumacher dabei in das System des Scheiterns, das er in den Motiven der Nebenfiguren aufstöbert: in ihrer Mutter (Sandra Maria Schöne) als heimlich Verzweifelter, die ihr Kind verstößt, weil sie sich selbst nicht zu helfen weiß, in ihrem Vater (Jürgen Uter) als selbstunsicheren Despoten und in der als Abgeklärtheit daherkommenden Feigheit des Hoffnungsträgers Pater Lorenzo, den Hedi Kriegeskotte als dürres, doch stimmgewaltiges und mitfühlendes Männlein spielt. Ihre Travestie benutzt Schumacher als das was sie ist: ein Sinnbild der Unmöglichkeit.
Schumachers Stil, fern jeder Deutungshoheit, reibt sich ein wenig am Regietheater und läuft Gefahr, sich selbst zu unterschätzen. Vielmehr als an Originalität sei er an Genauigkeit interessiert, sagt er. Freilich, es sei ja alles ein Versuch. Aber einer, der die Kraft zu überzeugen in sich hat.
Schauspielhaus, Hamburg: 18., 22., 30. Januar, 6., 9., 18. Februar, 2., 7. März. www.schauspielhaus.de