Theater

23. November 2009

Korngold in der Oper Frankfurt: Orgie der Erinnerung

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Klaus Florian Vogt (Paul, rechts stehend) und Tatiana Pavlovskaya (Marietta / Marie als Projektion). Foto: Barbara Aumüller

Korngolds "Tote Stadt" im Opernhaus Frankfurt: GMD Sebastian Weigle hat für diese Musik ein unfehlbares Faible, für ihr im Oberflächlichen Hintersinniges, ihre Überhitztheit und Ruhe. Von Hans-Klaus Jungheinrich

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Kaum erfunden, war das Genre "Boulevardoper" auch schon wieder überholt: Der Tonfilm hatte es abgelöst. Nun steht das Prachtmodell einer kaum noch weitergeführten Opern-Baureihe etwas verloren am Repertoirerand herum: "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold. Frankfurts ambitioniertes Opernhaus nahm sich aufs nobelste einer Sache an, bei der vieles schillert. Sie ist Opernfreunden nicht recht präsent, aber auch nicht ganz vergessen. Wenn´s denn ein Mauerblümchen ist, so eines mit Orchideen-Flair.

"Die tote Stadt" des damals 23jährigen Komponisten entstand 1920 in Wien, während Schönberg dort mit der härenen Genietat der Zwölftonmethodik beschäftigt war - einer gewiss geistig anregenderen Erfindung, wenn auch ebenfalls weniger folgenreich als gewünscht. Korngold ging, von den Nazis vertrieben, ins amerikanische Exil, konnte dort in seinem durchaus arrivierten zweiten Leben (auch als Filmkomponist) das erste eines Komponisten in Europa aber nicht verschmerzen.

Auch in der "Toten Stadt" ragt Vergangenheit schwer in die Gegenwart. Paul verschließt sich der Außenwelt in stetem Gedenken an seine verstorbene Gattin Maria. Eines Tages trifft er auf der Straße eine Frau, die Maria völlig gleicht. Die kurz und unverbindlich gebliebene Begegnung löst bei ihm einen Alp- und Lusttraum aus. Marietta, die lebendige Schauspielerin, wird zum phantasmagorischen Objekt der sexuellen Begierde, während sich das kontrollierte Ich (Freud würde sagen: das Über-Ich) nur umso fester an die Tote klammert. Der Konflikt um sein gespaltenes Frauenbild kulminiert im vermeintlichen Mord an Marietta. Der aus seinem Traum erwachende Paul sieht sich auch von seiner Fixierung auf die Verstorbene geheilt. Er verlässt Brügge, die Stadt der Toten.

Das interessante, wenn auch zuweilen kolportagehaft aufgezäumte Sujet (nach einem Roman von Georges Rodenbach) erhält durch die Brügge-Metapher eine morbide Pikanterie. Man schmeckt und riecht förmlich in der Musik die Fäulnis, die Leere der Häuser und Gassen, diese nur mehr von Geistern und Ratten bewohnte, vor sich hin schimmelnde Urbanität.

Korngolds durch beispiellose Metier-Meisterschaft gekennzeichnete Musik vermittelt das perfekt: das Prunkvolle und dessen Verrottung, die besonnte und die lädierte Vergangenheit, die Ernüchterung im übersättigten Klangrausch. Korngolds unverwechselbarer Tonfall ist unschwer zu beschreiben: Man nehme viel Strauss, viel Puccini, eine Prise sehrende Mahler-Nostalgie, gut schütteln, alles auf Doppelrahmstufe versetzen - fertig.

Frankfurts GMD Sebastian Weigle hat auch für diese Musik ein unfehlbares Faible, für ihr im Oberflächlichen Hintersinniges, ihre im Jugend-Elan verborgene Todestrauer, ihre Überhitztheit und Ruhe. Die Finessen der großen melodischen Eingebung "Glück, das mir verblieb" wurmen nicht nur in Laienohren, sondern nötigen auch dem Fachmann Staunen ab: Welche Feinheiten, Umspielungen, zarten Schwankungen, die das Volksliedhafte mit einfachen tonalen Funktionen zur exquisiten Kostbarkeit veredeln! Weigles seidige, schönheitstrunkene Diktion weiß sich immer vor dem Absturz ins Triviale, Gröbliche zu schützen.

Sehr ansprechend die Inszenierung von Anselm Weber mit glänzend ausgearbeiteter Personenregie und einigen sinnvollen Eingriffen. So ist es nicht Paul, der Marietta strangulierend zu Tode bringt, sondern die vervielfachte Maria im roten Abendkleid, eine stumme weibliche Vorwurfshorde. Die fast zu einem Stück im Stück sich auswachsende Harlekinade des Mittelakts wird als grotesker Totentanz mit aberwitzig manieristischen Kostümeinfällen (Bettina Weber) imaginiert. Das religiöse Ritual im Schlussakt (mit Chor und Kinderchor) funktioniert im wesentlichen als Video-Übertragung. Schon in den ersten beiden Akten erlebte man durch dramaturgisch klugen Video-Einsatz (Bibi Abel) Multimedia-Oper in einer ganz neu überzeugenden Qualität.

Die optische Faszination war aber auch der Raumgestaltung von Katja Haß zu verdanken. Auf leicht verkleinerter Bühne (hinter einem spitz auf den Zuschauerraum zulaufenden Extra-Vorhang) ein fast rechteckiger Kasten mit Öffnungen für diverse Erscheinungen, links ein kleineres Würfelgehäuse mit Jalousiewänden, Pauls Andachtsstätte, seine "Kirche des Gewesenen".

Erstaunlich, wie sich aus der dekorativ aufgeblasenen, szenisch wie musikalisch oft auch jugendlich daherlärmenden Orgie der Erinnerung dann auch wieder raumgreifende Einzelstimmen erheben und - auch dafür steht Korngolds Raffinement - in betörendem Belcanto ausfahren. Der Bariton Michael Nagy, als Freund Franz resolut, verbreitet es vor allem als Pierrot im zweiten Ohrwurm der Oper, dem walzernden "Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück". Konzentriert auch Hedwig Fassbender als Brigitta. Als Marietta (und Marias Geisterstimme) war Tatjana Pavlovskaja auch bevorzugte Videodarstellerin; mit mächtigem, unerschütterlichen Organ (und etwas mäßiger Textverständlichkeit) sang sie sich durch ihre anspruchsvolle Partie. Fast noch riesiger die Herausforderungen an den Tenor Klaus Florian Vogt, der dem Paul staunenswerte Facetten einer Psycho-Studie verlieh in gekonnt linkischer, von Verklemmung bis zur Verzückung reichender Körpersprache, stimmlich exakt die Mitte treffend zwischen dramatisch-machtvoll fokussierter und Charaktertenor-Färbung, dabei mit weich ansprechender Eloquenz. Das Publikum quittierte dankbar eine hochkarätig kredenzte Besonderheit. Kein Zweifel, man war im Opernhaus, nicht im Boulevardtheater.

Oper Frankfurt, 26., 29. November, 5., 10., 13. 17. 20. Dezember. www.oper-frankfurt.de

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