Die große Frage in Bezug auf das Wuppertaler Tanztheater ist: Hat man Sie beide als künstlerische Leiter verpflichtet, um das Ensemble geordnet abzuwickeln oder haben Sie auch den Auftrag, irgendwann neue Choreografien heranzuschaffen?
Dominique Mercy: Das möchten viele wissen - aber wir haben die Antworten noch nicht auswendig gelernt (lacht). Unser vorrangiger Wunsch und unsere Pflicht ist es, das Repertoire zu pflegen, es so gut wie möglich zu erhalten. Wir haben das Glück, dass auch alle Tänzer sich das zu wünschen scheinen. Alle sind geblieben, und das macht die Sache weniger schwierig. Denn jeder war schon einmal beteiligt und hat gespürt, worauf es ankommt. Es gibt aber auch Stücke, die die meisten von unseren Tänzern noch nie getanzt haben, weil diese Werke schon älter sind und Pina nicht die Zeit hatte, sie wiederaufzunehmen. Auch diese wollen wir machen.
Dominique Mercy (l.) und Robert Sturm wurden ein Vierteljahr nach Pina Bauschs Tod, im Oktober 2009, zur neuen künstlerischen Leitung des Tanztheaters Wuppertal berufen. Der Franzose Dominique Mercy war von 1973 an einer der markantesten Tänzer des Ensembles. Robert Sturm arbeitete zehn Jahre lang als Assistent Pina Bauschs. Beide kennen die Stücke der Choreografin sehr gut und sollen das Erbe bewahren. (sy)
Aber wir wissen, dass irgendwann auch die Kreativität wieder ihren Platz haben muss, auch jeder Darsteller sich mit seiner Kreativität weiterentwickeln können muss. Es ist jedoch zu früh, etwas Konkretes zu sagen, es ist ja erst etwas mehr als ein halbes Jahr, seit Pina uns verlassen hat. Wir müssen erst dafür sorgen, dass die Kompagnie so gut wie möglich arbeitet, und dann werden wir an die Kreativität denken. Wir haben schon Ideen, wir prüfen Möglichkeiten, aber es ist zu früh, darüber zu reden.
Denken Sie dabei auch an sich selbst oder würden Sie jemanden von außen holen wollen?
Robert Sturm: Es ist beides möglich.
Mercy: Es muss nur stimmen, muss gut, legitim, richtig sein. Die Gedanken gehen in verschiedene Ecken, aber wir haben noch nichts festgemacht.
Sie können, wenn einer das Ensemble verlässt, neu engagieren?
Mercy: Seit einigen Jahren schon besteht die Kompagnie aus 30 Tänzern. Wir möchten dabei bleiben. Und auch Gäste einladen für bestimmte Stücke, wie das schon Pina gemacht hat. Glücklicherweise gibt es genug Tänzer, die uns schreiben, weil sie mit der Gruppe arbeiten wollen. Wir müssen die Zeit arbeiten lassen und sehen, was sie uns zu sagen hat.
Sie würden also auch neue Bausch-Tänzer heranziehen.
Mercy: Es gibt keine Bausch-Tänzer. Es gibt nur Tänzer, die mit Pina gearbeitet haben.
Sturm: Wenn sie die Stücke jetzt lernen, lernen sie ja auch eine Arbeitsweise, Besonderheiten. Sie müssen ein organischer Teil der Company werden.
Ich frage, weil es in der Diskussion um die Bewahrung wichtiger Tanzwerke auch darum geht, ob jede gute Company alles tanzen können muss, von Bausch bis Forsythe oder Spoerli - oder ob genau das eben nicht geht. Ob man vielleicht eine Tourneecompany aufbauen kann, die heute in Wuppertal Forsythe und morgen in München Bausch zeigt.
Sturm: Die Idee ist schön, aber wenig praktikabel. Erstmal wäre es ja besser, die jeweiligen Companys würden weiterbestehen. Und bei den Stücken ist es so, dass die Rollen doch meist sehr individuell sind. Man muss sehr differenziert entscheiden, wo das jemand anders übernehmen könnte. Welcher Tänzer hat welche Persönlichkeit? Ich glaube nicht, dass eine Generallösung funktioniert.
Mercy: Ich zweifle zum Beispiel, dass wir, abgesehen vielleicht von einigen wenigen Tänzern, ein Forsythe-Stück machen könnten.
Wie ist Ihre finanzielle Grundlage?
Mercy: Unverändert. Wir bekommen Hilfe von Land und Stadt. Alle haben sich sofort gemeldet und glücklicherweise versichert, dass sie uns weiter unterstützten. Wir müssten keine Sorgen haben.
Sturm: Die finanzielle Situation ist dieselbe, die Pläne sind dieselben. Mit der mehr oder weniger gleichen Anzahl von Gastpielen und Vorstellungen in Wuppertal.
Bis wann gilt das, wann müssen Sie neu verhandeln?
Mercy: Wir sind dabei, das auszuhandeln. Aber es sieht so aus, dass wir genügend Zeit haben, etwas auszuprobieren.
Sturm: Die Stadt scheint uns mittelfristig oder sogar längerfristig arbeiten zu lassen. Die weiteren Wege, die neuen Wege, all das braucht Zeit.
Da nun aber das Wuppertaler Schauspielhaus geschlossen statt renoviert werden soll, was für Probleme bringt Ihnen das?
Sturm: Wir haben das Problem, dass dort ungefähr die Hälfte der Bausch-Stücke uraufgeführt wurde. Sie gehören dort hin. Es ist ein wunderbares Gebäude, natürlich ist es ein Problem, wenn man dort nicht mehr spielen kann.
Mercy: Wir kennen die Situation, die drei Sparten haben sich ja vier, fünf Jahre das Schauspielhaus geteilt, während die Oper renoviert wurde. Aber es ist kompliziert. Bei Pina hatte ja jedes Stück sein Zuhause. Das Licht, das Bühnenbild müssen dann im anderen Haus überarbeitet werden.
Sturm: Die Schließung des Schauspielhauses ist tragisch, auch weil es als Theaterraum besonders schön ist.
Man hat Ihnen aber nicht, wie jetzt Oper und Schauspiel, gesagt: Sie müssen sparen! Bei den beiden Sparten geht es um zwei Millionen, von 10,9 runter auf 8,9 Millionen Euro Zuschuss.
Mercy: Bis jetzt nicht. Lassen Sie uns die Finger gekreuzt halten.
Die Stadt Wuppertal ist allerdings völlig pleite.
Mercy: Ja. Wir haben Glück und sind sehr optimistisch. Die Stadt bemüht sich und hat uns versichert, dass es weitergehen wird wie bisher. Wir sind ja, dank Pina, alle Wuppertaler geworden.