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Lust auf Zukunft

Nuran David Calis präsentiert Jugendliche aus dem Ruhrgebiet als „Next Generation“

        

Die Wünsche der jungen Leute sind durchaus realistisch.
Die Wünsche der jungen Leute sind durchaus realistisch.
Foto: Diana Küster

Der Beat pulsiert, die Botschaft ist friedlich. „Kurden, Russen, Deutsche, wird sind alle eins, denn wir sind alle Freunde“, singen junge Leute aus dem Ruhrgebiet. Sie haben die Gesten der Rapper drauf, doch niemand inszeniert sich hier als Gangster. Und wenn, dann nur zum Spaß. 37 Jugendliche, die sich in den Bochumer Kammerspielen als „The Next Generation“ vorstellen, teilen einen Traum: Sie wollen dazugehören, Familie haben und Arbeit, die ihnen Spaß macht und von der sie leben können. Mit einem Wort: Sie wollen Integration.

Vor vier Jahren entwickelte der Dramatiker und Regisseur Nuran David Calis in Essen den Prototyp eines interkulturellen Theaters. In „Homestories – Geschichten aus der Heimat“ spielten, sangen, tanzten Jugendliche aus dem Stadtteil Katernberg ihre Wünsche, Ängste, Lebensentwürfe. Ein berührender, naiver, direkter Abend, getragen von der Offenheit und dem Herzblut der Darsteller. Im Jahr der Kulturhauptstadt wurde dieses Projekt erweitert. Zwischen Duisburg-Marxloh und Herne entstanden neun Zukunftshäuser, in denen Ghettokids mit Musikern, Choreografen und Regisseuren arbeiteten.

Nuran David Calis, Sohn armenisch-jüdischer Eltern, ehemals Türsteher, ein Theatermensch mit street credibility, beobachtete Explosionen von Kreativität. Er lud zu einem etwas anderen Casting ein, ohne Druck, ohne oberschlaue Ratschläge. Wer mitmachen wollte, durfte. Die Jugendlichen bekamen einen Fragenkatalog. Nach ihren Träumen und Talenten wurde gefragt, und was der Begriff Metropole für sie bedeute. Aus den Antworten montierten Calis und die Dramaturgen eine Collage aus Gedankensplittern, Songs, Shownummern, laut, energiegeladen – und immer wieder still und nachdenklich.

Ein Steg ragt ins Publikum. Auf einer Leinwand weht die schwarzrotgoldene Flagge, und ein Sprecher sülzt im Fernsehprofiton von einem Deutschland, das sich wieder auf sich selbst besonnen habe. In das der wirtschaftliche Erfolg zurückgekehrt sei und in dem nur noch ein paar Fußballprofis fremdländische Namen trügen. Der Name fällt nicht, doch wahrscheinlich denkt jeder im Parkett an Thilo Sarrazin. Das Bild verschwimmt, ein Piratensender hackt sich ins Programm. Ein junger Mann ergreift im Namen einer Widerstandsgruppe das Wort. Die Jugendlichen stürmen die Bühne, schieben Tribünen herein, zeigen ihre Welt, machen Party. Ein Videoteam verfolgt einen Moderator, der andere nach ihren Träumen fragt. Ihre Gesichter werden live auf die Leinwand projiziert.

Wenn die Show zu kuschelig wird, schreit der Showmaster „Stopp!“ Dann geht er hinter die Tribünen, findet Leute, die nicht mitfeiern wollen. Ein Junge aus dem Irak erzählt, dass er mit seinen Eltern ein Jahr und acht Monate zu Fuß unterwegs war, um nach Deutschland zu kommen. Ein Pakistaner berichtet über Misstrauen und Hass gegen ihn und seine Familie, als sie in den USA waren. Knapp und klar sind die Geschichten, Sentimentalität kommt nicht auf. „Okay, dann leg dich wieder hin“, sagt der Moderator. Weiter geht’s. Party!

Diese Art Theater ist angreifbar. Man kann fragen, was es Neues bringt und ob die Träume der Jugendlichen nicht ziemlich banal sind. Ja, sind sie. Und natürlich kann man ähnliche Geschichten auch woanders hören. Doch an diesem Abend bekommen sie Gesichter und Körper. Die Jugendlichen sind da, man kann sie nicht wegklicken. Und will es gar nicht, denn sie versprühen mitreißende Energie, Lust auf Zukunft.

Das Gemeinschaftsgefühl, das sich in der Aufführung eingestellt hat, hält noch ein wenig an. Verständigung ist plötzlich keine Utopie mehr. Vielleicht machen Calis und das Schauspielhaus das Theater, das wir gerade brauchen.

Kammerspiele Bochum: 31. Oktober, 5., 12., 19. November. www.schauspielhausbochum.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  29 | 10 | 2010
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