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Theater

17. Januar 2016

Meg Stuart im Mousonturm: Was haben sie gegen Yoko Ono?

 Von 
Meg Stuart in ihrem Solo "Hunter", das jetzt am Mousonturm in Frankfurt zu Gast war.  Foto: Iris Janke

Meg Stuarts selbstreflexives und etwas sehr sprunghaftes Solo "Hunter" im Frankfurter Mousonturm.

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Es dauert eine Stunde, ehe Meg Stuart ihr erstes Wort spricht, zu plaudern beginnt. Und dann erzählt sie erst einmal, dass sie dem Sprechen auf der Bühne nicht traue, weil sie als Kind zu viele schlechte Schauspieler gesehen habe – ihre Eltern waren Theaterleute. Dafür redet die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin im letzten Drittel ihres 90-minütigen Solo-Abends allerdings erstaunlich viel („keine Sprachkenntnisse erforderlich“ behauptete irrtümlich der Frankfurter Mousonturm, wo sie jetzt gastierte, in seiner Ankündigung). Und sie hat ihren Text aktualisiert – oder sie improvisiert: Um David Bowie habe sie dicke Tränen geweint, so Meg Stuart. Da tigert sie tatsächlich ganz traurig über die Bühne.

Seit Jahren bespielt Stuart große Häuser mit ihrem eckigen, unbedingten Körpertheater, gern mit einem ganzen Rudel von Performern („Damaged Goods“ heißt ihre Company). Nun, in „Hunter“ (UA 2014), ist sie auf der Jagd nach ihrer eigenen Geschichte, nach all den Bewegungsvarianten, die sich eingeschrieben haben, nach Stimmen und Musikfetzen (Sounddesign: Vincent Malstaf), Bildern und verwackelten Filmchen. Vermutlich ist darauf auch sie immer mal zu sehen, als Kind, als Jugendliche. Aber sie verweigert jeden Hinweis wie auch jede Hierarchisierung des Materials. Von „flashes and fragments“ spricht sie einmal; „Hunter“ ist ein so selbstreflexiver wie sprunghafter Abend.

Exerzitien, unwirsch ausgeführt

Zu Beginn sitzt Stuart an einem kleinen Tisch und bastelt eine Collage aus überwiegend vergilbten Bildern, Glitzerstaub, Moos, Nagellack, Nadeln, Tesa, Schnur. Sie zündet eine der Fotografien an, diese brennt fast widerwillig. Es folgt eine Bewegungscollage zu einem wilden, disharmonischen Musik- und Stimmenmix. Wie eine Boxerin steigt Meg Stuart in den Ring, schlägt und teilt die Luft. Ruckelt durch die Bewegungen. Beißt sich, tastet sich ab. Oder führt Exerzitien aus, kantig, unwirsch. Immer wieder wechselt die Anmutung, die Textur der Sequenzen.

Man kann nicht anders, als im Klang- und Sprachwirbel (überwiegend englischsprachige Ausschnitte) der ersten Stunde Hinweise und Anhaltspunkte auf das Werk eines halben Lebens zu vermuten. Aber wer sich nicht sehr gut auskennt im Stuart’schen Kosmos, wird keine finden. Und so selbstverständlich Meg Stuarts Bühnenpräsenz ist, so öffnet sie in diesem Solo zu ihrer Kunst doch höchstens einen Spalt.

Mit einer Riesen-Langhaar-Perücke verkleidet sie sich als Schamanin – um sich in dieser weiteren Rolle gleichsam selbst zu beschwören. Sie singt und ihre eigene Stimme macht ihr aus zwei Lautsprechern Konkurrenz. Sie sagt: „Ich bin eine chaotische Person“, aber genauso gut könnte sie irgendetwas anderes über sich sagen. Sie fragt sich, warum Yoko Ono so gehasst wird.

Flashes and fragments, zusammengehalten von einer beeindruckenden Persönlichkeit – weit besser als etwa von einem beeindruckenden Konzept.

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