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Theater

14. Januar 2013

Michael Thalheimer: Sie sind ganz allein

 Von Judith von Sternburg

Michael Thalheimers spröder, aber konsequenter Blick auf Falladas „Kleinen Mann“ im Schauspiel Frankfurt.

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Eine geniale Szene findet sich etwa in der Mitte. Der Herrenkonfektionsverkäufer Johannes Pinneberg muss einen Anzug an den Mann bringen. Damit er den Riesenstress nicht bloß spielt, muss der Schauspieler Nico Holonics alle Personen übernehmen (wobei ihm die Textfassung von Michael Thalheimer und Sibylle Baschung sogar noch eine vierte Figur erspart): Den lustlosen Käufer in spe, seine freudlose Frau und sowieso den Pinneberg, der sich ein Bein ausreißt. Als Pinneberg salbadert und fleht Holonics, als lustloser Käufer ist er schlapp und weiß nicht recht, als freudlose Frau nölt, keift, kreischt er dazwischen. Bald kreischt auch der Mann, bald kreischt auch der Pinneberg. Weil Holonics den unsichtbaren Anzug dabei zugleich aufdrängen, anziehen und wegschieben muss, verknäult er sich zappelnd in sich selbst. Wenn es ein Bild für den Albtraum des Dienstleisters gibt, hier ist es. Die Perfektion von Hans Falladas Roman über unperfekte Menschen in einer unperfekten Welt ist dabei insgesamt so erdrückend – einem Roman, in dem jedes Wort, jeder Satz und jede Szene sitzt –, dass ein Theater nur hinterherturnen kann. Viele Theater aber sind willig, es zu versuchen. „Kleiner Mann – was nun?“ von 1932 ist eine international funktionierende Geschichte zur Stunde, die Krise von unten betrachtet, wo einem der Satz „Nur nicht arbeitslos werden“ in den Ohren schallt. Wofür nun in Frankfurt Michael Thalheimer sorgt, der ihn mantra-artig wiederholen lässt in kühlen, aber konsequenten zwei Stunden.

Mit der Breitwandbühne des Schauspielhauses weiß er wie immer etwas anzufangen. Sein Bühnenbildner Olaf Altmann gibt ihr diesmal einen gigantischen breiten Rahmen, dessen unterer Teil wie ein Laufsteg zu benutzen ist. Dahinter geht es erwartungsgemäß eine steile Schräge hinauf. Dort liegt alles im Dunkeln. Dass man sich früh vorstellen kann, wie beides, der Rahmen und die Schräge, wankt, und dass es dann auch so kommt, bringt mehr Vorhersehbarkeit ins Spiel, als gut ist.

Gehen, kauern, lieben, leiden

Vorne auf dem Rahmen gehen, kauern, lieben, leiden Johannes Pinneberg und Emma, geb. Mörschel, der Junge und sein Lämmchen. Oben auf der Schräge stehen aufgereiht und meistens nur als Silhouetten wahrzunehmen neun Schauspieler für Pinnebergs und Lämmchens Begegnungen mit dem Leben bereit. Ein Luxus, neun vorzügliche Schauspieler, die nur Sekunden oder Minuten haben, sich zu zeigen, in Nehle Balkhausens typisierenden Kostümen, die das Zeitkolorit bloß andeuten. Der kleine Mann soll natürlich kein epochengebundenes Phänomen sein.

Ebenso zeitlos, allerdings auch neutral bis zum Nichtssagenden ist Bert Wredes coole U-Musik. Also ist Stephanie Eidt ganz kurz eine betörend vamphafte Mutter Pinneberg, oder Michael Benthin ein großkotziger, aber ganz lieber Jachmann, Thomas Huber ein rotnasiger Arbeitgeber, Martin Rentzsch ein hier völlig mysteriös bleibender Heilbutt und so weiter. Was für eine Vergeudung eigentlich.

Das aber ist die Konsequenz aus Thalheimers Konsequenz. Denn ganz allein sind Pinneberg und Lämmchen, nachher noch zu dritt mit ihrem Murkel, aber den bekommt das Publikum nicht zu sehen. Immer wieder fällt im Roman das Wort und in allen Varianten, sie müssen alleine ein, sie wollen es sein, sie sind es. Es macht ihnen Angst, es ist aber auch ein Idyll bedrohter Art. Adam und Eva, die tapfer vorm Tor des Paradieses abwarten, was nun werden soll, Hänsel und Gretel Hand in Hand im Wald. Kaum dass einer mal herunterkommt auf den Laufsteg, der gut passt zu Pinnebergs und Lämmchens grotesk verbauter Berliner Wohnung.

Damit geht es vor allen Dingen um Henrike Johanna Jörissen und Holonics, denen nachher großer Jubel entgegenkommt. Ein ungebrochen ideales Lämmchen-und-Pinneberg-Paar, entsetzlich jung für ihre anstrengende Lage, blond, adrett, freundlich, gebeutelt, bescheiden. Er zwar angespannt und manchmal hitzig und bisweilen muckend, sie aber bereits mütterlich gelassen. In einer langen Anfangssequenz lässt Thalheimer Jörissen einfach alleine dastehen (Murkel ist aber schon im Bauch, begreift man später), und sie guckt und beginnt zu lächeln und dann zu strahlen, und ihre Augen funkeln. Und als sie wieder ernst wird, will man nichts lieber als das Lächeln zurück in ihrem Gesicht.

Lämmchen im Unglück

Thalheimer mag Lämmchen, das Publikum mag Lämmchen, aber die Geschichte wird für sie nicht gut ausgehen. Thalheimer sorgt dafür, dass eine Aufforderung in der Luft liegt, nach dem Theaterbesuch nicht so weiterzumachen wie zuher, aber es ist möglich, sie zu ignorieren. Es bleibt etwas Theoretisches über dem spröden und darin Anti-Falladaschen Abend, während Fallada von der ersten bis zur letzten Seite Praxis ist.

Als alles zuende ist und dennoch alles weitergeht – ein Schnitt, mit dem das Theater unerwartet wenig anzufangen weiß, obwohl es genau der Schnitt im Leben jedes arbeitslos gewordenen Menschen ist –, steuert Holonics auf ein düsteres Schlussbild zu. Nachdem die (unsichtbare) Polizei ihn geschubst, verscheucht, ihm den Rest gegeben hat, schleicht er nach Hause. Lämmchen ist den Tränen nah. Thalheimer aber hat Pinneberg eine Pistole in die Hand gegeben. Steht eine so genannte Familientragödie bevor? Ein Anschlag? Ein Amoklauf? Und fördert dieser Regieeinfall etwas zutage, wenn das Schlimmste doch gerade ist, dass alles immer so weitergeht? Nein.

Schauspiel Frankfurt: 17., 20., 25. Januar, www.schauspielfrankfurt.de

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