Theater

25. September 2012

Milo Rau: Regisseur bringt Breivik ins Theater

Anders Behring Breivik. Foto: dpa

Regisseur Milo Rau über den Kulturkämpfer Anders Breivik und warum sein Theaterprojekt zu dessen Rede nicht den Diskursgeber Breivik überbewertet, sondern negatives Erschrecken hervorruft.

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Regisseur Milo Rau über den Kulturkämpfer Anders Breivik und warum sein Theaterprojekt zu dessen Rede nicht den Diskursgeber Breivik überbewertet, sondern negatives Erschrecken hervorruft.

Mit seinen Reenactments hat der Regisseur Milo Rau, geboren 1977 in Bern, eine alte dokumentarische Theaterform neu belebt. „Hate Radio“, das eine Radiosendung des ruandischen Senders RTLM während des Völkermords in Ruanda nachstellt, war beim letzten Theatertreffen. Für Oktober kündigt Rau ein Reenactment der „Erklärung“ des Attentäters Anders Breivik am Nationaltheater Weimar an, die dieser am 17. April vor dem Osloer Gericht verlas, um sein 77-faches Morden auf der Insel Utoya politisch zu rechtfertigen. Die Veröffentlichung der Rede wurde vom Gericht untersagt.

Herr Rau, bei der Berichterstattung über den Breivik-Prozess waren die Medien noch sehr bemüht, den politischen Erklärungen des Mörders keine Bühne zu bieten, Sie geben sie ihm nun offen. Spielen Sie mit dem Skandal?

Aber da ist doch ein großer Unterschied. Das Theater, wie ich es mir vorstelle, stellt eine ganz spezielle Art der Öffentlichkeit dar: eine konzentrierte, gemeinsame, sehr gefasste Öffentlichkeit. Es ist dort nicht so, wie wenn ich einen Artikel publiziere, den tausende Leute, jeder für sich zu Hause liest. Nein, hier stelle ich eine ganz bestimmte, kollektive Situation mit einer begrenzten Zahl von Zuschauern her. Und Breiviks einstündige Rede − das ist das Zentrale − wird nicht nur in kleinen, zum Skandal tauglichen Ausschnitten dargestellt, die schon aus dem Gerichtssaal getwittert wurden, sondern als ganze.

Es ist nichts gefährlich an der Rede?

Gefährlich ist die gestörte Art, wie Breivik als Individuum selbst auf seine Ideologie reagiert. Das Problem ist, dass man die Reaktionen von Attentätern eben nicht absehen kann, denn es gibt keine einfache, kausale Verknüpfung zwischen denken und handeln. Man kann nicht sagen: Wer rechtsnational denkt, ist ein Mörder. Natürlich ist die Ideologie gefährlich, aber sie ist nicht der Grund, dass Attentate passieren. Nehmen Sie zum Beispiel die „Minarettinitiative“ hier in der Schweiz, die Breivik ausdrücklich lobt …

… sie führte 2009 zur Volksabstimmung, die sich gegen den Bau von Minaretten aussprach.

Genau. Ich bin ja Schweizer und hier umgeben von Menschen, die diese Initiative begrüßen und die in ihrer Absurdität hinter Breiviks Ansichten nicht zurück bleibt – natürlich nicht in den tödlichen Konsequenzen für die Menschen, aber in ihrer Absurdität. Das ist beunruhigend, aber zunächst nicht gefährlich. Als ich mit der Schauspielerin Sascha Soydan die Rede zum ersten Mal las, sagte sie: Das Erschreckende sei, dass sie eigentlich gar nicht erschreckt sei. Das Skandalöse an dem Text ist, dass er eben überhaupt nicht skandalös ist, sondern eine relativ rationale, in sich geschlossene und meiner Ansicht nach weit verbreitete Sicht in Europa darstellt. Das Ziel meiner Inszenierung ist, dass die Person Breivik ganz hinter diese „Erklärung“ zurück tritt. Mir scheint es fast zufällig, dass er es gerade ist, der diesen Text spricht. Man meint, es sei etwas ganz Abseitiges, was der da gesagt haben muss, aber sieht man den Text, merkt man, dass man diese Sprechweisen längst pausenlos erträgt. Dass sie längst etwas Normales sind im öffentlichen Diskurs und dass Breivik nur so etwas wie ein besonders krasser Ausdruck dieser „Normalität“ ist.

Sie wollen also die Rede vom Redner trennen. Verharmlost man damit nicht den Mörder und überbewertet den Diskursgeber Breivik?

Das Gefährliche unserer Inszenierung wird tatsächlich sein, dass Breivik das Blutbad ja angerichtet hat, damit seine Rede gehört wird, denn er behauptet, seine Meinung werde unterdrückt. Genau das hat zu der Skandalisierung all dessen geführt, was er sagt. Man weiß von einem 1500-Seiten-Manifest, das kaum jemand gelesen hat. Dann gab es diese eine Stunde vor Gericht, nur den Text dazu gibt es nirgends. Diesen Text nun aber doch zur Verfügung zu stellen und dann darüber zu erschrecken, dass es längst europäischer „Common Sense“ ist, was der sagt, das ist es, was ich herstellen will: ein negatives Erschrecken.

Welchen „common sense“ meinen Sie?

… was Kultur sei, was der Islam sei, dass wir uns in einem „Kulturkampf“ befänden. 80 Prozent von Breiviks in seiner Rede vorgetragenen Argumenten könnten so auch in der rechtskonservativen Zeitschrift Die Weltwoche stehen, 20 Prozent aber auch in der taz. Er mischt eben auch klassisch links konnotierte Gedanken mit ein. Natürlich ist er ein irrer Rechtsradikaler, gleichzeitig zitiert er geschickt und nimmt auf die Aufklärung Bezug. Das macht aus ihm eine rationale, sehr komplexe, aber auch sehr banale Figur als Redner.

Aber was er unter Kultur versteht, etwas „homogen“ in sich Verschlossenes, Ethnozentrisches, ist doch kein „common sense“?

Vielleicht sehen Sie das in Deutschland anders, hier in der Schweiz werden Abstimmungen gewonnen über Vorlagen, die verschiedene Rechtssysteme für Schweizer und Ausländer einführen. Die Religionsfreiheit ist abgeschafft durch die „Minarettinitiative“ − dahinter stehen Mehrheiten! Breivik behauptet, seine Meinung werde unterdrückt, ich sage: Die Dominanz ist Breivik.

Ein Reenactment enthält sich wertender Eingriffe, Ihre Besetzung aber scheint so ein Eingriff.

Die Besetzung mit der Deutsch-Türkin Sascha Soydan ist die weitest mögliche Entfernung von irgendeinem authentischen Modell. Ich setze hier nicht auf Ähnlichkeit, sondern versuche, einen intellektuellen Vorgang herzustellen. Es wird auch kein Gerichtssaal nachgebaut, Sascha wird nur an einem Pult stehen und lesen. Ich versuche nicht zu inszenieren, sondern zu entdramatisieren, zu enttheatralisieren. Die Lesung wird an zwei Abenden stattfinden, einmal in Weimar als Auftakt des Kongresses „Power and Dissent“, einmal in Berlin. Nach den Lesungen sind jeweils zwei Intellektuelle eingeladen, mit dem Publikum zu diskutieren.

Und dass sich das „negative Erschrecken“ einstellt, da vertrauen Sie ganz der Arbeit im Zuschauer?

Ich vertraue darauf, dass man eine Konzentration herstellt auf etwas, das in dem, was es ist, noch gar nicht sichtbar geworden ist. Die eigentliche Spannung wird sein, das mediale Breivik-Bild, das jeder im Kopf hat, mit dem Breivik-Text zu konfrontieren. Dass dieser Breivik durchsichtig wird auf unsere „Normalität“ hin in seinem Wahnsinn. Bei mir hat das funktioniert.

Das Gespräch führte Doris Meierhenrich.

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