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Mittagstheater in London: Schärfer als die Börse

Summer in the city und in London sind überall die Theater leer. Überall, nur nicht im Finanzzentrum: Am Bridewll "Lunchbox Theatre" wird ein lunchgerechter Shakespeare angeboten. Von Louise Brown

Lärm um nichts, stark verdichtet: Die C Company im Lunchbox Theatre.
Lärm um nichts, stark verdichtet: Die C Company im Lunchbox Theatre.
Foto: Brazel-Wood

Summer in the city und in London sind überall die Theater leer. Überall, nur nicht im Finanzzentrum: Während in den gediegenen Theatern im West End höchstens die Reinigungskräfte ein- und ausgehen, sammeln sich hier die Anzugträger vor den Türen des kleinen Bridewell Theaters im Osten der Stadt. Nur fünf Minuten Fußmarsch von den Glasbauten der Finanzwelt, in einem ehemaligen viktorianischen Schwimmbad, wird am Bridewell "Lunchbox Theatre" angeboten: bekannte Werke Shakespeares, auf 45 Minuten gekürzt - passend für die Mittagspause. Während am Box Office fleißig Karten für fünf Pfund das Stück gekauft werden, füllen sich im Theaterinneren die Ränge: 100 Zuschauer, von denen die Mehrheit aus den umliegenden Büros stammen.

Vorbei sind die Zeiten, als in der City nur die Geldgier regierte: Zwar mag das Bankenleben fast schon "back to normal" sein; einen Ruck hat es in Londons Börsenwelt mit der jüngsten Krise dennoch gegeben. Viele würden mehr über ihre "work life balance" nachdenken; sich überlegen, was es außer der Schreibtischarbeit sonst noch so im Leben geben könnte, meint Aileen Gonsalves, Leiterin der jungen Theatertruppe "C Company", die die Mittagsstücke am Bridewell anbietet. Gegründet vor vier Jahren, um die Cityarbeiter von ihren Bildschirmen weg zu locken, habe das "Lunchbox Theatre" noch nie einen solchen Zuspruch wie in den vergangenen Monaten erlebt. Die meisten Aufführungen seien ausverkauft.

Tatsächlich erinnern die Minuten vor Beginn des Stückes mehr an ein Vorstandsmeeting als an einen Theaterausflug. Es wird gemailt und getextet; kaum ein Anwesender ist nicht mit seinem Blackberry beschäftigt. Als wolle man damit konkurrieren, ertönt lauter Rock´n´Roll durch die Lautsprecher. Heute zeigt die C Company "Viel Lärm um Nichts". Kein italienisches Gemäuer, kein Messina: Liebeswerben und Intrigen finden in Sommerkleid und mit Sonnenbrille auf einer 50er Jahre Pool Party statt. Was anfangs Erinnerungen an eine übereifrige Schulproduktion aufkommen lässt, überrascht: das Stück reißt mit. Ein schwuler Don Juan ist gerade schwul genug, um nicht zu schlüpfrig zu wirken. Die Prahlhansel Claudio und Benedikt, zurück vom erfolgreichen Feldzug, erinnern im Polohemd an Investmentbanker im Freizeitlook.

Dialog und Szenenwechsel könnten nicht forscher sein. Nach nur einer Woche Proben zeigen die Schauspieler eine Schärfe, als würden sie stets im Hinterkopf haben, dass sie in Konkurrenz zu Börsenkursen und Analystenberichten spielen. Zeit ist Geld in der City; auch am Bridewell wird keine Sekunde verschwendet. Das scheint anzukommen: Beatrices Wehklagen über Männer - "Soll es ein armes Mädchen nicht verdrießen, einem nichtsnutzigen Lehmkloß Rechenschaft von ihrem Tun und Lassen abzulegen?" - sorgt für mehr als nur höfliches Lachen vom mehrheitlich männlichen Publikum, das sonst nach Feierabend in den überfüllten Bars und Kneipen beim durch Alkohol angeheizten Gegröle zu finden ist.

1891 von einer Gruppe wohlhabender Viktorianer ins Leben gerufen, sorgte die St. Bride Foundation mit Bibliothek, Schwimmbad und Theater einst für Kultur und Sport in einer Gegend, die damals vor allem von der Druckindustrie geprägt war.

Heute sind die Working-Class-Familien des East Ends weiter in den Osten gedrängt worden. Die einstigen Fabriken sind von über-coole Privatclubs wie Shoreditch House übernommen worden. Der "Gurken"-Turm Norman Fosters, der in der City über Londons Skyline ragt, erinnert daran, wer in London - Krise hin oder her - das Sagen hat. Aber trotz der Milliarden, die hier verdient oder verjubelt werden, wächst der Bedarf nach "Kulturellem": Es wird aus der City gebloggt, Zeitungskolumnen geschrieben, Analysten treten als Komödianten auf, Banker schaffen es mit ihren Romanen in die Bestsellerlisten. Nur endlos Champagner trinken wolle man nicht mehr, meint ein Banker, der zum Mittagstheater erschienen ist und ungenannt bleiben möchte.

Vor vier Jahren spielte man am Bridewell nur eine Woche im Monat. Heute sind es drei. Neun Produktionen werden jährlich aufgeführt. Von den 100 Zuschauern, die an diesem Freitag im Theater sitzen, haben 75 vorbestellt, was nur persönlich und mit Selbstabholung geht. Geschätzte 100 000 Leute arbeiten in den Finanzhäusern rund um das Theater: Alles Menschen, die nicht zu den traditionellen Theatergängern gehören, so Theatergeschäftsführerin Lucy Hillard.

Mit Werken bekannter Autoren (Shakespeare, Wilde) und aktuellem Bezug (jüngstes Erfolgsstück: "Der Kaufmann von Venedig"), das Ganze auf mundgerechte 45 Minuten gekürzt, wolle man Londons Finanz-Arbeitern die Angst vor dem Theaterbesuch nehmen. Inzwischen gibt es, so die Theatermacher, etliche Stammgäste unter den Besuchern.

Nicht auf Londons großen Bühnen, sondern in einer kleinen Gasse im Finanzdistrikt wird mit dem Theater der Zukunft experimentiert: Nicht nur in der Bankenwelt wird für immer mehr Angehörige der heutigen so genannten "Crackberry"-Generation der gemütliche Gang ins Theater zur immer entfernteren Vorstellung. Im "Lunchbox Theatre" darf gemailt, geraschelt und sogar gegessen werden. Erstaunlich nur, dass nach einer halben Stunde "Viel Lärm um Nichts" noch keiner seine mitgebrachten Sandwiches auch nur angefasst hat.

Autor:  Louise Brown
Datum:  20 | 8 | 2009
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