In dem hingebungsvollen Solo „Das Scarlett-O’Hara-Syndrom. Ein Stück Heimat“ verbinden Thomas Huber und seine Mitautorin und Regisseurin Alice Buddeberg Vorgänge aus „Vom Winde verweht“ mit der Geschichte von Pauline Haller. Das muss die Großmutter Hubers sein. Wie Scarlett O’Hara und Rhett Butler scheinen auch Hubers Großeltern eine schwierige Beziehung geführt zu haben. Wie die Südstaatler gerieten sie in einen Krieg. Wie Tara für Scarlett sollte nach dem Willen der Großmutter auch der Hallerhof für Thomas ein unveräußerliches Gut bleiben.
Liebe und Geld vergeht, Land und Gold besteht, so die Devise der Großmutter, deren goldenen Ring Huber am Finger trägt. Jedenfalls glaubt man ihm das sofort, warum auch nicht (später sieht man ihn und die Großmutter auf Dias, die auf den Reifrock geworfen werden, den er angezogen hat). Huber oder der Mann, den Huber spielt, musste schwören, den Hallerhof nicht zu verkaufen, ist zu Beginn des Stücks allerdings dabei, genau das zu tun. Er hängt und turnt dabei in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels herum, dort, wo sonst die jetzt auf der Bühne platzierten Zuschauer sitzen. Er knabbert Popcorn und guckt „Vom Winde verweht“. Während der Verkauf des Hallerhofs in Gang kommt, fängt er an, uns und sich in die Handlung zu verwickeln. Er stellt Szenen nach, ist die schöne Scarlett, der fade Ashley (das haben wir zum Beispiel von unserer Großmutter gelernt, bevor wir den ersten Blick auf ihn geworfen hatten: dass Ashley der fadeste Mann der Welt ist), der einmalige Rhett, der Truthahn, der so lange herumgackert, bis man seiner Ermordung mit einer gewissen Erleichterung entgegensieht.
Denn es wird viel gegackert und viel nachgeäfft, die Hasenzähne der Scarlett-Verehrer, Ashleys Augenringe. Huber macht das virtuos, aber es ist auch ein Clownern, mit dem der Clown nicht mehr aufhören kann. Immer wieder jedoch überwältigt die Geschichte selbst Huber. Das imponiert nicht durch das Wow, das Yeah, das Fäusteballen, sondern durch die Freude daran, etwas möglichst detailliert zu erzählen, was einen ernstlich begeistert. Wie Scarlett Treppen hoch- und runterweht (untermalt von der halb spöttischen, halb himmlischen Musik von Stefan Paul Goetsch). Wie Rhett Butler genussvoll hinter der Sofalehne auftaucht, nachdem Scarlett dem wirklich furchtbar faden Ashley sieben Liebeserklärungen gemacht und Porzellan zertrümmert hat. Wie Rhett, Rhett allein ein Pferd hat, als es am dringendsten benötigt wird.
Beim Wow, Yeah, Fäusteballen geht es im übrigen weniger darum, dass es einem auf die Nerven fällt (fällt es). Huber hat aber so viele Möglichkeiten und ist bereit, so viel von sich herzugeben, dass etliches von dem, was dann tatsächlich zu sehen ist, einfach zu leichthin, zu routiniert wirkt. Immerhin geht es doch um etwas.
Das gilt auch für das Ende. So reizvoll die Großmutter-Scarlett-Connection ist – dass aber Huber morgen auf dem Hallerhof darüber nachdenken wird: das ist auf den letzten Drücker eine Portion gehobenes Schultheater. (ith)
Schauspiel Frankfurt: 9., 23. Juni. www.schauspielfrankfurt.de