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Mühlheimer Dramatikerpreis: Der vergoldete Drache

Roland Schimmelpfennig bekommt den Mülheimer Dramatikerpreis für sein Stück "Der goldene Drache". Sechs Mal war er schon nominiert, beim siebten Mal hat er es geschafft. Von Stefan Keim

Alter ego im Arm? Szene mit Christiane von Poelnitz.
Alter ego im Arm? Szene mit Christiane von Poelnitz.
Foto: Reinhard Werner

Roland Schimmelpfennig bekommt den Mülheimer Dramatikerpreis für sein Stück "Der goldene Drache". Sechs Mal war der viel schreibende Autor schon nominiert, beim siebten Mal hat er es geschafft. Eine Konzessionsentscheidung war das nicht, die Preisjury wechselt jedes Jahr.

Das von Schimmelpfennig selbst am Wiener Burgtheater uraufgeführte Stück erzählt von Einwanderern im asiatischen Restaurant "Der goldene Drache", von Ausbeutung, Sexsklaven und der Not eines kleinen Mannes mit Zahnschmerzen. Illegal im Land, darf er nicht zum Arzt gehen. Seine Kollegen legen Hand an, reißen den Zahn heraus, der in die Welt fliegt. Und mit ihm fliegt das Stück durch Zeit, Raum und die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft.

Die Jury lobte die perfekte Konstruktion, wie Schimmelpfennig Metaphern durch das Stück zieht, Parabeln und Märchen verarbeitet. Aber vor allem überzeugte die politische Relevanz. Denn "Der goldene Drache" erzählt von der wachsenden Gruppe der Migranten, die dem Dramaturg Josef Mackert zufolge eine größere Rolle im Stadttheater und in der neuen Dramatik spielen müssten.

Das Stück ist eine der reifsten und präzisesten Arbeiten Schimmelpfennigs, allerdings nicht das innovativste. Seine Technik der ausgefeilten Verschachtelung der Spielebenen hat er schon vor Jahren in seinem bisher größten Hit "Die arabische Nacht" entwickelt. Dafür hätte er den Dramatikerpreis bekommen müssen, aber auch die neue Arbeit hat große Qualität und wird in der nächsten Saison gespielt.

Es war ein starker Jahrgang neuer Stücke, aber es gab nicht den herausragenden Text, der alle anderen dominiert. Wenn man nicht zu den harten Fans von Elfriede Jelinek gehört, deren "Kontrakte des Kaufmanns" wieder einmal Grenzen sprengt und grandiose Verdichtungen mit Kalauern kombiniert. Zwei Juroren waren für Jelinek, das Stück stieß aber auch auf Widerspruch. Autorin Katja Lange-Müller fühlte sich durch die vielen Chöre an DDR-Theater erinnert und vermisste Alternativen zum kritisierten Kapitalismus. Dritter Text der Endrunde war Dea Lohers melancholisch-satirisches Gesellschaftspanorama "Diebe", es erhielt den undotierten Publikumspreis.

Viel Lob für die Jüngeren

Die jüngeren Autoren wurden zu Beginn der Diskussion aussortiert, unter Abschiedsschmerzen aller Juroren. Selten wurde so viel gelobt in Mülheim. Die sprachliche Feinheit des Österreichers Ewald Palmetshofer, die Selbstironie und literarische Qualität des einzigen Festivaldebütanten Nis-Momme Stockmann überzeugten ebenso wie Kathrin Rögglas halbdokumentarische Aufarbeitung des Missbrauchs von Natascha Kampusch.

Katja Lange-Müller hielt ein Plädoyer für Dirk Lauckes Nachwendedrama "Für alle reicht es nicht". Sie pries die Authentizität "plebejischer" Figuren, die sonst oft keine Sprache haben. In Heiner, einem ehemaligen Soldaten, der mit einem alten NVA-Panzer einen Vergnügungspark aufziehen will, sah sie einen zeitgenössischen "Woyzeck". Sie hat Recht, Laucke schreibt so nah dran an einfachen Leuten wie gegenwärtig kein anderer. Wie Horváth findet er einen Ton, dessen Kunstfertigkeit erst beim zweiten Hören auffällt. Die anderen Juroren interessierten sich mehr für die ästhetisch ausgefeilteren Texte. Wobei fast keinem Stück gesellschaftliche Relevanz fehlt: eine erfreuliche Entwicklung nach Jahren der Nabelschau.

Autor:  Stefan Keim
Datum:  5 | 6 | 2010
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