Spannend war's nicht. Eher so wie wenn Bayern München wieder einmal Meister wird. Elfriede Jelinek bekommt zum dritten Mal den Mülheimer Dramatikerpreis. Vier von fünf Juroren gaben in der öffentlichen Diskussion am Ende des "Stücke"-Festivals ihre Stimme für "Rechnitz (Der Würgeengel)". Jelinek nimmt darin den Mord an 180 jüdisch-ungarischen Zwangsarbeitern im österreichischen Rechnitz im März 1945 zum Anlass, um über Erinnerung und Verdrängung nachzudenken. Die subtile Inszenierung Jossi Wielers an den Münchner Kammerspielen macht den - wie immer - ausufernden Text mit hervorragenden Schauspielern bühnentauglich.
Doch in Mülheim geht es nicht in erster Linie um die Aufführungen, sondern um die Stücke selbst. Franz Wille, Redakteur bei "Theater heute", interessierte an "Rechnitz" vor allem, wie Jelinek die "Verleugnungsakrobatik von 60 Jahren Totschweigen" behandelt. Und der Theaterkritiker Dirk Pilz begeisterte sich für "große Resonanztiefe", Musikalität und die kalauernde Komik des Textes.
Nur nicht brav sein
Ernsthafte Konkurrenz hatte Jelinek nicht. Was wohl auch an der Zusammensetzung der Preisjury lag, die weitgehend homogen argumentierte und nur bei René Polleschs trashig-philosophischem "Fantasma" darüber stritt, ob sich diese Art Theater nur mit sich selbst oder mit der Wirklichkeit beschäftigt. Schnell sortierten die Juroren den Mülheim-Debütanten Lutz Hübner aus, dessen "Geisterfahrer" sie als zu schlüssig, geheimnislos und brav konstruiert befanden. Auch Ulrike Syhas "Privatleben" und Sibylle Bergs "Die goldenen letzten Jahre" kamen schnell als inhaltlich und ästhetisch zu schmal in die Tonne.
Nur Oberhausens Intendant Peter Carp stimmte nicht für Jelinek. Er bevorzugte Roland Schimmelpfennigs "Hier und jetzt" wegen seiner "offenen Struktur" und der "grundsätzlichen Betrachtung von Welt" in den Beschreibungen der Natur und Jahreszeiten. Franz Wille hielt dagegen, dieses Stück, in dem eine Hochzeitsgesellschaft sich in Traum und Rausch auflöst, zeige eine "Stillstandsgesellschaft", die ihn an die alte Bundesrepublik erinnere. Zwar sei "Hier und jetzt" der beste Text Schimmelpfennigs seit langem, käme aber zehn Jahre zu spät. Die Regisseurin Felicitas Brucker mochte zwar die archaischen Seiten des Textes, aber nicht die Passagen, in denen das Private dominiere.
Die Preisjury zeigte Vorlieben für das Sperrige, Komplexe, Überlebensgroße. Mit den sieben nominierten Stücken wurde sie in dieser Richtung spärlich bedient. Es war aber auch über das Festival hinaus kein Jahr der großen Würfe. Felicitas Brucker vermisste Thomas Freyer mit dem Stück "Und in den Nächten liegen wir stumm", Dirk Pilz verwies auf die Werke Anne Habermehls. In Mülheim gab es diesmal nicht wie im Vorjahr junge Dramatiker zu entdecken, aber Chancen auf den Preis hätte wohl niemand aus dem Nachwuchspool gehabt.
Überraschend lang hielt sich Oliver Bukowski mit "Kritische Masse" in der Diskussion. Die Dramaturgin Heike Müller-Merten verwies darauf, dass im Stück - anders als in Sebastian Nüblings umstrittener Hamburger Inszenierung - deutlich werde, wie die Masse aus der schamhaften Vereinzelung der Hartz-IV-Empfänger entstünde. Aber das von Franz Wille ausgesprochene Totschlagargument "Sozialromantik" machte schnell klar, dass Bukowski nur Sympathiepunkte wegen seines Themas sammelte.
So schwebte schließlich die bereits 13 Mal nominierte Elfriede Jelinek über allen. Unangefochten, kryptisch, seltsam unangreifbar hinter ihren sich oft selbst widersprechenden Wortmassiven verborgen. Sie ist ein Solitär, niemand schreibt wie sie. Die neue Auszeichnung ist nachvollziehbar wie alle anderen vorher. Aber auch unspannend.