Mit einem Schlag ist alles anders. Kaum ist der Eiserne Vorhang hochgefahren, stürzt aus halber Bühnenhöhe ein großer, grauer Volvo pfeilgerade herab und rammt sich mit der Front in den Boden. Da steckt er nun, ragt bedrohlich mit dem Heck in die Luft, und die Erschütterung, die er auslöste, bebt noch lange nach in den Menschen, in deren Leben er sich bohrte. Alle drei Hauptfiguren in Krzysztof Kieslowskis Filmzyklus "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" (1993/94) haben so ein surreales Volvo-Erlebnis. Julie verliert in "Blau" bei einem Autounfall Mann und Tochter. Karol Karol sitzt nach der Scheidung von seiner französischen Frau auf der Straße und muss in die polnische Heimat zurück. Und Valentine fährt in "Rot" einen Hund an, findet in seinem Besitzer einen bösen alten Mann und kommt nicht mehr von ihm los.
Auch wenn Johan Simons inszeniert, ähnelt das einem solchen Volvo-Erlebnis: Sein Regiestil erschüttert und durchbohrt die Bühnenillusion, ohne sie gänzlich zu zerstören, und als Zuschauer weiß man zunächst nicht genau, was das mit einem macht. Nur dass es nachbebt, beunruhigt und gerade deshalb wohl tut. So war das vor einigen Jahren auch mit den "Zehn Geboten", die der Niederländer Simons nach Kieslowskis "Dekalog"-Filmen an den Münchner Kammerspielen uraufführte. Da bildeten die Schauspieler eine Gruppe von Menschen, die einander jene Geschichten von Liebe, Schuld und Tod vorspielten oder nur beschrieben: Rollenzuschreibung und Identitätsfindung wurden selbst zum Theaterspiel. Solchermaßen gespiegelt, hinterließen die Gleichnisse von der Schwierigkeit des Zusammenlebens einen besonders starken Eindruck und wurden mit ihrer befremdlichen Ästhetik den Filmen durchaus gerecht.
Jetzt ist Simons an den Münchner Kammerspielen, wo er ab der Spielzeit 2010/11 Intendant sein wird, mit "Drei Farben" wieder eine herausragende Inszenierung gelungen, wenngleich die Erzählweise eine andere ist. Kieslowskis zweites großes Werk, benannt nach der französischen Trikolore, beschäftigt sich mit den europäischen Werten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und ihrer Bedeutung für das Privatleben dreier Menschen. Simons' Dramaturg Koen Tachelet hat aus den drei Filmen eine intelligente Fassung für einen Theaterabend erstellt. Eigenständig bleiben die sehr charakteristischen Teile dennoch.
"Blau" ist ein Traumspiel, ein Albtraum. Für Julie ist seit dem Autounfall die Zeit stehen geblieben. Der Mitarbeiter ihres Mannes, Arzt, Mutter und Journalistin tauchen wie Wiedergänger auf, scheinen Unmögliches zu verlangen und sich zu Fratzen zu verzerren. Immer wieder setzt sich Sylvana Krappatsch in die erste Stuhlreihe und betrachtet Jens Kilians leere Bühne mit der blauen Projektionsfläche und dem feststeckenden Volvo. Um ihn herum scheint sich Julies Leben ohne sie selbst weiterzudrehen. Da sie alles verloren hat, will sie Freiheit gewinnen, indem sie sich allem widersetzt, was man von ihr erwartet. Zum Beispiel die Vollendung der Komposition ihres Mannes. Krappatsch zupft zwanghaft an ihrem blauen Mäntelchen, knöpft es schief - und verkünstelt sich etwas zu sehr in den Gesten des Verlorenseins. Am schönsten sind sie im Spiel mit Hildegard Schmahl als demente Mutter.
Mitten in diese Melancholie hinein bricht die Komödie von "Weiß". Die Gerichtsszene, die schon im "Blau"-Film kurz zu sehen ist, lässt Simons herzhaft auskosten. Karol Karol erlebt eine schreckliche Farce: Was hier so demütigend verhandelt wird, der einklagbare Vollzug der Ehe durch den Geschlechtsverkehr, entspricht nicht dem Rechtsgefühl des Polen. Thomas Schmauser ist ideal für die schmierig-tragische Klamotte dieses Herrn Karol. Der lässt erst einmal den Karren sozusagen aus dem Dreck ziehen und einen gelben Engel vom ADAC holen, der ihm den Volvo wie ein Damoklesschwert aufhängt. Das baumelt über seiner Ex-Frau, die er mit seinem vermeintlichen Tod und einem lukrativen Erbe nach Polen lockt. Wo sie im Gefängnis landet. Gerechtigkeit muss sein. Für das ganze Ensemble ist "Weiß" ein Fest der wilden, makabren und berauschenden Spiellust.
"Rot" nimmt sich dagegen wie ein Märchen aus. Sandra Hüller spielt Valentine als zartes, trotziges Mädchen, das sich in das Haus eines bösen, alten Richters verirrt, der seine Nachbarn ausspioniert. Eindrucksvoll lässt Jeroen Willems die Brüderlichkeit im eingesunkenen Körper des Alten wiedererstehen.
Noch mehr als Kieslowski hat Simons hier Parabeln inszeniert, die auf der Bühne dadurch so gut funktionieren, dass er sie so skizzenhaft und allgemeingültig umreißt. "Drei Farben" stellt dreimal die Frage: "Was wäre, wenn ". Und weil Kieslowskis und Simons' Antwortmöglichkeiten vieldeutig sind, ist an den Kammerspielen wieder ein zeitloses Kunstwerk über die großen Menschheitsfragen im kleinen Alltag entstanden.
Münchner Kammerspiele,
5., 9., 19. April.